Niedergeschrieben in Drachenbruch, im ersten Jahr des Neubeginns
von Marius Oskarad
Einführung
Von uns Erwachten verfügen einige über die Möglichkeit, die Welt mit mehr als nur mit ihren Händen zu beeinflussen. Dieses nennen wir ‘besondere Begabung. Einige dieser besonders Begabten entschließen sich, durch die eingehende Idee der Begabten Saikha, ihre Begabung durch Experimente und Theorien zu ergründen und das Experimentierhaus zu begründen. Diese Theorie fasst meine, Marius Oskarad’s, Ideen und Beobachtungen zusammen. Sie soll einen Startpunkt für Diskussion geben, und erhebt keinen Anspruch auf die Wahrheit. Ich trenne bewusst zwischen dem, was ich beobachtet habe, und dem, was ich daraus schließe.
Teil I: Beobachtungen
Die Drei Begabungen
In Drachenbruch, und der Welt, nahm ich wahr, dass die Begabungen sich in drei Ausprägungen niederschlagen.
Die erste Ausprägung, egoistisch an die erste Stelle gesetzt, weil ich ihrer im Besitz bin, ist die Kraft der Immanenz. Jene im Besitz dieser Begabung benutzen im simpelsten – Worte, und einen Fokusgegenstand, um eine Wirkung zu erzielen. In den ersten Tagen des Erwachsens wurde ich eines wilden Tiers ansichtig und fand mich ohne Waffe. Ähnlich wie es sich anfühlen würde, nach einem Dolch am Gürtel zu greifen sprach ich Worte, die ich vorher noch nicht hörte, und ein brennende Pfeil entstand aus meinen Händen. Danach fühlte ich mich erschöpft. Zudem fand ich mich in der Lage, mit einem Talisman einen Gegenstand dieser Welt zu berühren, der darauf zu Staub zerfiel und mich befähigte, weiter die Kraft zu wirken.
Die zweite Ausprägung bennen wir als das Charisma. Begabte dieser Ausprägung finden den Stoff, den sie zum Wirken brauchen an bestimmten, bedeutenden Orten dieser Welt. Eine Begabte dieser Ausprägung äußerte mir gegenüber, dass sie ‘Das Licht auf dem Berge’ fand, und sich einen Teil dieses Lichtes mitnahm. Hier ist deutlich, dass die Begabung diese Fähigkeit von diesen Orten über Zeit aufnimmt. Der Wirkmechanismus geht vom Begabten aus, benutzt aber keine Worte und ist nicht nennenswert effektvoll ausgeprägt.
Die dritte Ausprägung ist die Empathie. Begabte dieser Ausprägung wirken direkt mit Gegenständen, aber ohne Worte zu benutzen. Jene, die ich kenne wirken einen brennenden Dornen, oder die Fähigkeit, schnell wie ein Pferd zu rennen dadurch, dass sie Blut verbrauchen, dass sie entweder in Phiolen mit sich führen oder verwundend ihrem Körper entziehen. Ihr Wirken ist von einem üblen Geruch, oder einem insektenartigen Ton begleitet, der einem die Nackenhaare unangenehm aufstehen lässt.
Die Natur der Welt
Wir erwachten in einer Welt, in der es drei Landstriche gibt, die uns bereits bekannt sind (auch wenn eine von uns gefundene Karte darauf hindeutet, dass es mehr gibt). Diese Landstriche sind die Steppe, in der Drachenbruch entstand, das Waldland, in welchem Eulenrast an einem Bergpass entspringt, und ein zerklüfteter Landstrich, der von seinen Bewohnern Rabental genannt wurde.
In Drachenbruch nahmen wir wahr, dass wir in unserem Bestreben, den Ort (wieder) wohnlich zu machen, von einem Wesen unterstützt wurden, welches wir Mühlenfae tauften – denn es trat zuerst in Erscheinung, als wir die alte Mühle nach Essbarem durchsuchten. Wir nahmen war, dass wir über unsere Bedarfe sprachen, sie erfüllt wurden – ob es nun das Erwachen einer Person mit benötigten Fähigkeiten war, oder das Finden von Gegenständen.
In der Welt fanden wir Spuren (Häuser, Werkzeuge, dergleichen), die darauf hindeuten, dass sie einst belebt war. Wir fanden jedoch niemanden, der sich daran erinnern würde. Die einzigen vermeintlich vernunftbegabten Menschen fanden wir in Krypten als Wiedergänger. – Ein einzelnes Wesen, welches einbalsamiert war, und immer wieder aufsteht, wie auch verschiedene unlebende Matrosen, welche aus den Schiffen des Nachts ihren Weg nach Drachenbruch irren. Dies impliziert eine weitere Kraft, welche die Natur dergestalt beeinflusst.
Teil II: Theorie
Ich wage die These, dass diese besonderen Begabungen, und die Eigenheiten dieses Landes, sich aus einer Kraft speisen, eine singuläre, fundamentale Hintergrundenergie. Ich nenne sie den Ur-Strom. Die Welt ist nicht leer; Magie ist keine Erfindung von uns, sondern eine bezeichende Eigenschaft der Existenz in dieser Welt. Ich benenne sie als Strom, weil diese Kraft wie Wasser ist – man kann damit eine Mühle antreiben, sich darin waschen, darin Baden, von einem wilden Strom weggespült werden, sie überschreiten wie mit einem Schiff, oder ein Feld bewässern. Der Strom wohnt jedem Wesen, jedem Gegenstand, und selbst der Luft inne.
Die Begabungen sind die drei Schnittstellen, die wir als vernunftbegabte Wesen zu diesem Ur-Strom haben.
- Die Begabten der Immanenz bedienen sich des Ur-Stroms, mit dem sie als Lebewesen durchzogen sind. Sie filtern ihn mit Hilfe ihres Fokus und pressen ihn durch eine Schablone, die sie mit bestimmten Resonanzworten (Ursprung: unbekannt) bilden. Die so in eine andere Richtung gelenkte Kraft bleibt geordnet und wenig Potential ist verschwendet.
- Die Begabten des Charisma nehmen das Potential des Ur-Stroms aus verschiedenen Orten der Welt auf und formen es nur mit ihrem Willen, nachdem sie es mit ihrem eigenen Potential in Harmonie gebracht haben. Die Wirkung folgt dem geistigen Wunsch der Begabten, ohne dass eine besondere Verbalisierung erforderlich ist.
- Die Begabten der Empathie verzichten auf Filter durch Resonanzworte oder die vorsichtige Harmonisierung durch Zeit an bestimmten Potentialorten. Sie nutzen bestimmte Parapheranlien, um das Scheunentor weit aufzureissen und den Ur-Strom ihrem Willen anzupassen. Wie beim Mahlvorgang die Spreu auftritt, ist ihr Wirken nicht frei von Seiteneffekten; es ist der Effekt ungenutzen Restpotentials, der wie ein Funke von ihrem Wirken springt – deswegen riecht es mal verbrannt, und mal als würd die Erde stöhnen.
In der Erweiterung der Stromtheorie halte ich fest, dass es in dieser Welt verschiedene Arten von Entitäten und Ortsausprägungen gibt. Nämlich:
- Die Mühlenfae und andere Wesen: In Drachenbruch nahmen wir die uns wohlgesonnene Mühlenfae wahr, die uns einerseits nützliche Dinge gab, andererseits aber auch nahm (zum Beispiel das Leben von Pferden, oder Rohstoffe aus unserem Lager). Nachdem der Ur-Strom das Potential besitzt, alles zu tun, oder zu werden, gehe ich davon aus, dass die Fae als Wesenheit dieses Potential moderiert und in ihr gefällige Bahnen lenkt, aber gleichzeitig auch Gaben benötigt, um ihr Wirken aufrecht zu erhalten. Dies erlaubt explizit, und macht es sogar wahrscheinlich, dass andere Orte ihre eigenen moderierenden Entitäten haben. Unbekannt ist, ob sie gleichsam nach ihrem Wirkmechanismus kategorisiert werden können.
- Es gibt Quellen des Ur-Stroms in unserer neuen Welt, wo die Begabten des Charisma das Potential in sich aufnehmen können. Diese Orte wirken auch besonders Örtlich hervorgehoben; durch Steinkreise in Drachenbruch, und durch steinerne Gebäude im Waldland. Das erlaubt die Vermutung, dass jene, die vor uns in dieser Welt waren, ebenso den Ur-Strom wahrgenommen haben und die Orte entsprechend markierten.
- Es gibt Verwerfungen des Ur-Stroms, in denen das Potential in verschiedener Art und Weise ungeordnet zu Tage tritt und auf unsere physische Realität wirkt, ähnlich einer Stromschnelle in einem Fluss. An diesen Orten können sich tote Erheben, oder Stein zu einem Golemartigen Wesen werden
Teil III: Konsequenzen
Das Ziel dieser Theorie erlaubt verschiedene Ansatzpunkte weiterer Forschungen und Experimente und erhebt, natürlich, keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch soll abschließend kurz ein Abriss gegeben werden, wo ich weitere Diskussions- und Forschungsmöglichkeiten sehe.
- Ein Vokabular der Begabungen; diese Theorie schickte sich an, bestimmte Sachverhalte zu benennen. Sprache ist auch immer geprägt von der einzelnen Wahrnehmung. Deswegen sollten die Begabten versuchen, eine Sprache zu sprechen, die das Produkt vieler Sichtweisen ist.
- Theorien zu den Ausprägungen der einzelnen Begabungen; diese Theorie schickte sich an, die wahrgenommene Karte der Welt zu beschreiben, ohne die Straßenpläne einzelner Orte auszudetaillieren. Weitere Ansätze im Rahmen der Immanenz wären zum Beispiel die Herstellung von Foki, oder die genaue Wirkweisung der Worte.
- Ein Katalog der Kraftorte und Quellen, an denen die Begabten des Charisma auf die Kraft des Stroms zugreifen können – und ob solche Orte beeinflussbar/erstellbar sind.
In jedem Falle verbleibe ich gespannt der Reaktionen auf diese Schrift, die ich gänzlich dem Erfolg des Experimentierhauses der besonderen Begabungen widme.
Marius Oskarad, Drachenbruch
