Der Einfall hatte sie im Wald ereilt. In diesem feuchten, dunklen Wald, wo es ständig raschelte, obwohl nichts Blätter trägt. Während sie durch das Gestrüpp stolperte, sich die Röcke ständig in Ästen verfingen und die Ärmel ihres Hemdes kleine Löcher bekamen, weil sie ihre Röcke freikämpfen musste. Genau in dem Moment, als sie erkannte, wie verschmutzt die Säume ihrer Robe waren, kam es mit donnender Gewissheit auf sie nieder: SO kann das ja auf gar keinen Fall funktionieren.
Sie brauchte einen Ort, der sicher war. Sicher für sie, denn allein der Anblick einer Ratte ließ sie schon kurzfristig mit den Tränen kämpfen. Sicher aber auch für die anderen, die sie so herzlich in Empfang genommen hatten, ohne selbst etwas zu haben. Sie wollte keinesfalls jemandem schaden - schließlich wusste sie noch nicht, wen sie wofür brauchen könnte. Wenn man selbst nichts kann, sollte man freundlich sein und sich in Zurückhaltung üben. Irgendetwas in ihr schien mit dieser Rolle sehr vertraut - und doch machte das Gefühl so gar keinen Sinn. Genauso wie der Grund, weswegen sie hier durch das Unterholz stolperte, alleine, hungrig und sich selbst verfluchend über ihre spontane Entscheidung. Es machte keinen Sinn.
Schließlich fand sie eine Stelle die poetischere Zungen wohl als Lichtung bezeichnet hätten. Tatsächlich fehlte lediglich ein Baum, um daraus "Wald" zu machen. Aber das klitzekleine bisschen Mondlicht sollte jetzt genügen. Und sie hatte laut verkündet, dass sie alleine etwas probieren wolle.. sie konnte keinesfalls nur zerkratzt aber ohne Erfolg zurückkehren. Missmutig und hungrig stellte sie sich in die Mitte der "Lichtung". Was tat sie hier eigentlich? Natürlich war sie gegangen, um niemandem zu schaden, aber sie wollte sich auch nicht der Lächerlichkeit Preis geben, vor allen Augen ihrem Gefühl zu folgen und.. kurz rieb sie sich die Stirn, als versuchte sie diese immer kritische Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagte, dass sie nichtsnutzig war, dass sie nichts könne, fortzuwischen. Ein paar tiefe Atemzüge, die Augen geschlossen fühlte sie in sich hinein.
Nun gut, da war dieser rasende Hunger, der war schnell zu sehen. Aber dahinter lag schon seit ihrem Erwachen dieses klitzekleine Kribbeln. Und auf ihrer Zungenspitze regten sich immer wieder ein paar Buchstaben, die bettelten, laut ausgesprochen zu werden. Sie blinzelte kurz, wie um sich zu vergewissern, dass sie nach wie vor alleine und verborgen vor allen Augen stand, und flüsterte dann diese Worte. Na ja, sie hatte geplant, diese Worte zu flüstern, doch ihr Körper wand sich gegen den festen Griff ihres Geistes und versagte ihr den Dienst: Das Geräusch ihres eigenen Schreiens riss sie nach hinten, entsetzt stolperte sie zurück und starrte in den Wald. Seid ihres Erwachens hatte sie nicht geschrien. Sie blickte sorgenvoll um sich, doch als niemand sie tadelte, strafften sich ihre Schultern ein wenig. Klang eigentlich garnicht so schlecht. Nur passiert war nichts - aber in ihr war ein Gefühl erwacht, dass sie nicht mehr zögern ließ, ein Drang, ein Ehrgeiz, zuzupacken und sich alles zu nehmen.
Diesmal war sie vorbereitet auf ihren Körper. Und sie erinnerte sich an dieses seltsame Gebilde in ihrer Tasche, dass sie vor einigen Tagen mit Primeris erforscht hatte. Einer Intuition folgend nahm sie es heraus und umklammerte es, wie um sich festzuhalten. Ihr Körper sollte tun, was ihr Geist ihm befahl. Sie atmete tief durch, und sprach mit klarer Stimme erneut die Worte aus. Drei Worte. Es war, als hörte sie sie zum ersten Mal, und zugleich als wären sie das Natürlichste der Welt. Reine Fantasieworte, und doch irgendwie mit Sinn gefüllt. Erneut ausgesprochen, die Hand fest um das hölzerne Gebilde, und nun mit dem Geist nach diesem Kribbeln tastend - und wirklich: das Kribbeln wuchs, schwoll an, füllte ihren ganzen Körper, bahnte sich den Weg durch ihren Arm in ihre freie Hand und barst aus ihr heraus. Es fühlte sich gewaltig an, wie eine Erlösung, ein Schauer lief ihr wohlig durch den Körper. Doch der Blick zu ihrer Hand offenbarte lediglich ein kleines Funkenschlagen, als hätte man eine Klinge gegen die andere geschlagen.
Das ließ sie verwirrt einige Augenblicke stehen und ihre Hand betrachten. Es hatte sich gewaltig angefühlt, und richtig und irgendwie gut, sie wollte auf jeden Fall mehr davon. Aber das konnte doch nicht alles gewesen sein? Sollte sie als Feueranzünderin ihren Weg finden? Wenn sie der Theorie von Darian glaubte, waren alle Angekommenen von besonderer Natur - war sie die beste Laternenwartin aller Zeiten?
Nein, wie beim Weg durch den Wald war sie sicher, das konnte nicht alles sein. Solange sie sich erinnern konnte, war sie noch bei nichts sicher gewesen. Sollte sie tatsächlich diesem Pakt beitreten? Wie lange würde es dauern, bis sie durchschauten, wie nutzlos sie war? Sollte sie tatsächlich alleine von dem einen zum anderen Dorf gehen? Sollte sie so nahe an Pferden stehen?
Aber plötzlich war es klar: Sie konnte keinesfalls irgendwo im Wald herumstolpern, das war einfach eine Zumutung an sie selbst. Und sie konnte mehr als Funken schlagen.
Die Röcke raffend stapfte sie zurück durch den Wald. Doch als hätte der Wald sie plötzlich akzeptiert, stemmte er sich nicht mehr vehement gegen sie. Die Röcke blieben nicht hängen, ihr Schritt war forsch und ihr Blick grimmig. Nun schreckte sie nicht zurück vor dem Rascheln. Sie näherte sich vorsichtig, sah hin statt weg, und suchte nach einem kleinen.. Opfer. Es würde ein Opfer geben. Sie musste es einfach versuchen.
Nach einer schrecklichen panischen Sekunde mit einem Wildschwein und einem kitschigen Anblick eines Rehs fiel ihr Blick nun endlich auf etwas passendes. Nicht besonders groß und auch nicht besonders eilig unterwegs.. eine Ratte. Ihr Blick wurde grimmiger, sie wusste, sie musste eilig handeln. Sie würde keinen zweiten Versuch haben. Leise fährt die Hand in die Tasche und umgreift das hölzerne Ding. Zwei tiefe Atemzüge, das mittlerweile geringfügig vertrautere Tasten nach diesem Kribbeln.. und diese Worte. Laut und deutlich, den Blick starr auf die ahnungslose Ratte, den Arm gerade durchgestreckt - JA! Es war mehr! Zu den Funken gesellten sich dünne Nadeln, kleiner als Nähnadeln und schoßen aus ihrer Hand, in Richtung der Ratte und trafen ihr Ziel. Es war, als würde man ein Pferd mit dem Finger anstupsen. Die Ratte hob den Kopf und - Saikha würde das Beschwören unter Zwang - hob die Brauen. Sie blickte an sich zurück, putzte sich kurz an der Stelle und fauchte dann in ihre Richtung. Vermaledeit. Während die Ratte loshoppelte, riss Saikha ihre Röcke hoch und rannte, rannte um ihr Leben. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihr, sie hatte eine Chance und die Ratte wohl nicht sonderlich viel Lust, der Abstand vergrößerte sich. Ein kleines Kichern drang ihr über die Lippen, nach ein paar weiteren großen Laufsprüngen verlangsamte sie ihr Tempo und blickte zurück. Keine Ratte zu sehen. Und auch sonst niemand. Mit einem befreiten Lachen ließ sie die Röcke fallen, riss kurz die Arme zum Himmel wie zum Dank und ließ sich dann erschöpft zu Boden fallen. Sie war nicht völlig unnütze.
Am Weg zurück nach Drachenbruch rasten ihre Gedanken. Sie würde einen Ort suchen. Keinesfalls im Wald.. irgendein Haus mit dicken Mauern. Etwas, das einem kleinen versehentlichen Feuer standhalten konnte. Sie würde dort ihre Erfolge niederschreiben, und Utensilien sammeln. Sie würde dort eine Tür schließen können, und ausprobieren, was noch in ihr steckt. Ihre Miene erhellt sich kurz im Dunkel der Nacht, als sie unter einer Laterne durch marschiert, passend zu dem neuen Gedankenblitz: Sie würde diesen Ort bekannt machen. Sie würde allen einen sicheren Ort schaffen, um sich auszuprobieren. Vielleicht würde jemandem mit ihr gemeinsam die diversen Theorien sammeln und untersuchen. Vielleicht ging es ja nicht nur ihr so.. vielleicht bräuchten alle einen sicheren Ort. Ein... Experimentierhaus der besonderen Kräfte.. Vielleicht würde Florance ihr ja mit dem Namen helfen.
Sie hatte endlich auch etwas gefunden, in dem sie fleißig sein konnte... rundherum wurde bereits Handel getrieben, Leute ritten auf wunderschönen, etwas wilden Rössern vorbei, immer mehr Häuser schienen belebt. Bis jetzt hatte sie das mehr eingeschüchtert denn beeindruckt - wo sollte sie etwas beitragen?
Jetzt war sie dreckig und verschwitzt, ausgefroren und müde.. und höchst zufrieden. Sie hatte abgerissene Buchseiten, geglättete Rindenstücke und etwas wertvolles Pergament zusammengesucht. Teilweise war es im verdreckten Stroh verwilderter Ställe gelegen. Und sie hatte es - eigentlich heldenhaft - herausgepult, abgeklopft, mit ein paar Blümchen getrocknet und schließlich fein säuberlich beschriftet. Während sie ihre Schnörkelchen, Kringelchen, konvexen und konkaven Linien auf das Papier brachte und dazwischen ein paar Zeilen Text einbettete, fragte sie sich kurz, wieso sie überhaupt schreiben konnte.. aber glücklicherweise war ihr diese Gabe wohl mitgegeben worden.
Anschließend war der weitaus heldenhaftere Teil passiert - sie war über all die Wege gewandert, die sie bisher schon einmal kennen gelernt hatte, und mehr noch, war auch viele neue Pfade gegangen. Wie durch ein Wunder waren ihr unerquickliche Begegnungen erspart geblieben - vielleicht hatte sie aber auch bereits gelernt, die Geräusche der Steppe und des Waldes besser zu verstehen und schneller zu reagieren. Eigentlich war sie recht selten auf den Wegen unterwegs, jedes Rascheln trieb sie in die andere Richtung - aber Schritt für Schritt konnte sie doch einige scheinbar gut erschlossene Punkte finden, Orte, an denen die Erde klar von vielen Füßen aufgewühlt war, und brachte dort ihre kleinen Aushänge an.
Und nun lag sie an den Kamin gelehnt, hörte die gedämpften Stimmen durch die Holzdielen unter sich unverständliches murmeln, und schlief zum ersten Mal höchst zufrieden mit sich ein.
Was hatte sie nur bis hier her geführt, blutüberströmt in der Taverne zu stehen, weinend und aufgelöst? Thorus hatte völlig recht, vermutlich starben zu jedem Zeitpunkt Menschen irgendwo, und dennoch.. was sie an jenem Abend gesehen hatte, was sie getan hatte, oder auch was sie nicht getan hatte, es würde sicherlich eine Erinnerung bleiben. Wer wusste schon, wieviele solcher Erinnerungen sie vielleicht schon gehabt hatte. Vielleicht hatte sie schon oft aufgebrochene Körper gesehen, das Herz völlig entfernt. Das Blut, das an ihren Händen klebte, weil sie im Dunkel nicht erkannt hatte, wie es um den Mann stand.
Der Mann. Sie hatte die letzten Tage zuvor schon so viel von ihm gehört. Düster sei er, sprach kryptische Warnungen, trug ein Schwarz, wie niemand sonst es auf dieser Welt kannte.. oder an das sich keiner erinnerte. Es war alles sehr mysteriös und wenig konkret: etwas, das so garnicht ihrem Naturell entsprach. Und trotz der düsteren Miene ihrer hochgeschätzten Freundin Meliodora, die wohl schon kurz davor gewesen war, den Mann schlichtweg abzustechen, hatte sie eine Neugierde in sich verspürt. Wenn er schon so düstere Warnungen aussprach, dann musste er doch irgendetwas über sie alle wissen, über ihre Situation, über das Vergessen. Dieses unerträgliche Vergessen.
Und dann stand er einfach vor ihr. Und sie erkannte ihn nicht, nicht gleich. Das lag vielleicht an ihrer Hektik, noch vor der Dunkelheit nach Drachenbruch zurückzueilen. Oder an den vielen Gedanken, was im Experimentierhaus der besonderen Begabungen noch zu erledigen war. Aber jedenfalls sah sie dort im Schein der Laterne, die wohl jemand übereifrig bereits entzündet hatte, diesen Mann stehen, groß und doch eingefallen, gut gekleidet und doch abgekämpft. Sie hatte ihm natürlich sofort ihre Hilfe angeboten, doch dieser Mann.. er beschimpfte sie wüst, drohte ihr, meinte, ihre kleine Schleife, die sie als Zeichen des Paktes trug, mache sie zur Mörderin. Ungeheuerlich. Wer würde schon Essen vergiften, wo es doch noch so kostbar und viel zu besonders war, eine gute warme Speise zu erhalten.
Dennoch trug sie ihm ihre Hilfe an, bat ihm ihre Begleitung ins Heilerhaus an. Er hatte tatsächlich sehr krank ausgesehen, als wäre nahezu jedes Leben bereits entwichen. Doch er lehnte ab, bat sie, ihm woanders hin zu folgen.
Ihr Instinkt hätte ihre Neugierde wohl übertrumpfen sollen, vielleicht wäre der Abend anders verlaufen. Vielleicht würde sie sich jetzt weniger schuldig fühlen, als sie es tat. Sie hätte ihm wohl nicht folgen sollen, nur um die Fragen stellen zu können, die ihr seit dem ersten Tag auf der Zunge brannten. Denn statt Antworten zu erhalten, erhielt sie nur einen Dolch im Gesicht und Fragen, wer und warum man ihn vergiftet hätte. Er sah so schwach aus, obwohl er mit diesem Dolch über ihr ragte, fürchtete sie sich nicht, ihre Gedanken rasten. Sie war sich sicher, ihre Mutter hatte ihr eingebläut, nicht alleine mit Männern zu gehen. Wahrscheinlich. Vielleicht hatte sie keine Mutter, aber hätte sie selbst eine Tochter, sie würde es ihr einbläuen. Vorallem, nach diesem Abend. Mit vielen Gegenfragen, vielen süßen Worten konnte sie der Situation irgendwie entrinnen. Es fühlte sich merkwürdig an, ihn dort einfach stehen zu lassen, falsch, einen offensichtlich Geschwächten sich seinem Schicksal zu überlassen.
Natürlich war es dann schon dunkel, als sie eilig und verwirrt ihre Schritte gegen Drachenbruch richtete. Der offene Leib auf der Wiese, direkt beim Steinbruch, war der Anblick, der ihre Welt schlagartig aus den Fugen brachte. Sie konnte nur noch rennen, kein einziger Gedanke hallte in ihrem Kopf wieder, als sie endlich die sicheren Türen der Eulenrast erreichte. Sie konnte nur in Tränen ausbrechen, konnte die Flut an Angst und Aufregung nicht bremsen. Andere mussten sich darum kümmern, sie konnte nur, eingewickelt in Neoras Mantel, zusehen. Zusehen, was nun passieren würde.
