Die neue Welt hatte ihn empfangen.
Ohne Erinnerung.
Ohne Vergangenheit.
Und doch nicht leer.
Konrad wanderte viel in diesen ersten Tagen. Nicht rastlos, sondern suchend, als folge er einem inneren Zug, den er selbst nicht benennen konnte. Wälder, Hügel, alte Wege – alles war fremd, und doch verspürte er an manchen Orten ein sonderbares Wiedererkennen. Nicht als Erinnerung, sondern als Gefühl. Als hätte sein Körper Wissen bewahrt, das sein Geist verloren hatte.
Mehrfach stieß er auf seltsame Steine. Aufgerichtet, verwittert, mit Inschriften versehen, deren Zeichen sich seinem Verstand verschlossen. Er verweilte lange bei ihnen, strich mit den Fingern über die kalte Oberfläche, als könnten Haut und Stein miteinander sprechen. Die Bedeutung blieb ihm verborgen – aber er spürte, dass diese Steine nicht vergessen werden wollten. Sie standen nicht zufällig dort. Sie wachten.
Mit der Zeit erkannte Konrad, dass er anders reagierte als viele der anderen Erwachten. Wo sie Unruhe verspürten, fand er Stille. Wo sie weiterzogen, blieb er stehen. Besonders dann, wenn er Orte betrat, an denen der Tod gegenwärtig war.
Gräber.
Gruften.
Verlassene Ruhestätten.
Dort wurde sein Schritt langsamer, sein Atem ruhiger. Kein Grauen, kein Schauder – vielmehr eine tiefe, ernste Ehrfurcht. Als lausche er einem Raum, der nicht mit Ohren gehört werden wollte.
So kam es, dass er schließlich an einem großen Friedhof Halt machte. Reihen alter Grabstätten, steinerne Gruften, manche verschlossen, manche halb zerfallen. Daneben ein Gebäude, schlicht, funktional, vom Zahn der Zeit gezeichnet. Konrad wusste nicht, wofür es einst gedient hatte – doch als er die Schwelle überschritt, war ihm, als betrete er keinen fremden Ort, sondern einen, der auf ihn gewartet hatte.
Hier ließ er sich nieder.
In den stillen Räumen, in denen vielleicht einst Körper gewaschen, gekleidet und vorbereitet worden waren, schlief er besser als irgendwo sonst. Die Nächte waren ruhig. Traumlos – oder vielleicht so tief, dass Träume keine Bilder brauchten.
In diesen Tagen begegnete Konrad auch anderen. Menschen wie er, ohne Erinnerung, tastend, suchend. Er hörte zu, stellte Fragen, teilte Brot und Feuer. Doch so sehr ihn das Leid und die Verwirrung der Lebenden berührten – am Ende zog es ihn immer wieder zurück in die Einsamkeit. Nicht aus Kälte. Sondern aus Notwendigkeit.
Denn dort, zwischen Grabsteinen und Stille, wurde ihm etwas klar.
Der Tod war kein Ende.
Nicht Leere.
Nicht Feind.
Er konnte es nicht erklären, nicht beweisen. Aber tief in sich wusste Konrad: Nach dem letzten Atemzug folgt nicht das Nichts. Und gerade deshalb war es wichtig, dass die Toten mit Würde behandelt wurden. Dass man sie nicht vergaß, nicht entstellte, nicht entweihte. Jemand musste wachen. Jemand musste den Übergang achten.
Vielleicht war das seine Aufgabe.
Vielleicht war er genau dafür hier.
Noch nannte er es nicht Berufung.
Noch sprach er nicht von Gott oder Glauben.
Aber wenn er abends zwischen den Gräbern stand, die Hände ruhig gefaltet, und die Welt um ihn herum still wurde – dann hatte er das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.
Und das war mehr, als Erinnerung ihm je hätte geben können.
Zwischen Suchen und Finden
Konrad war nicht geschaffen für Stillstand. Nicht in diesen Tagen. Nicht auf dieser Welt, die ihm alles genommen hatte außer seinem Namen und diesem seltsamen Gefühl im Inneren, dass etwas nicht stimmte.
So zog er hinaus.
Er ging Wege, die keiner kannte. Pfade, die sich zwischen Bäumen verloren, als wollten sie nicht gefunden werden. Er lernte Menschen kennen, die ebenso erwacht waren wie er, Männer und Frauen, die ihre Vergangenheit wie einen verlorenen Mantel suchten. Manche wurden zu Weggefährten auf Stunden, andere auf Tage. Viele blieben nur Gesichter in der Erinnerung. Doch alle hinterließen Spuren.
Konrad hörte zu, fragte, beobachtete. Er suchte nicht nach einem Zuhause, sondern nach Wahrheit. Nach dem, was diese Welt gewesen war, bevor sie sie alle ausgespuckt hatte wie Überlebende eines großen Schiffbruchs.
Und dann traf er Viassis.
Ein Mann, der nicht viel reden musste, um verstanden zu werden. In seiner Haltung lag etwas Unverrückbares, ein Beschützerinstinkt, wie man ihn nicht erlernt, sondern in sich trägt wie einen zweiten Herzschlag. Viassis sah die Welt nicht nur mit Augen, sondern mit der Wachsamkeit eines Mannes, der jederzeit mit dem Schlimmsten rechnet.
Konrad und Viassis reisten ein Stück gemeinsam. Es war kein Bündnis aus Freundschaft, sondern eines aus Notwendigkeit. Zwei Männer, die auf unterschiedliche Weise spürten, dass sie nicht zufällig hier waren.
Sie fanden Orte, die nicht von Menschenhand verlassen wirkten, sondern von Menschenhand entweiht.
Verlassene Ritualstätten. Steine, die in Kreisen lagen, als hätte man dort die Welt aufgeschlitzt und etwas aus ihr herausgezogen. Zeichen im Boden, schwarz und hartnäckig, als hätte selbst der Regen sie nicht fortwaschen können.
Und dann fanden sie… Reste.
Nicht ein Körper. Nicht ein Grab.
Sondern Körperteile. Verwesend. Verstümmelt. Achtlos hingeworfen, als seien sie Abfall.
Konrad hatte schon vieles gesehen, seit er erwacht war. Doch das hier ließ etwas in ihm erstarren. Nicht Angst. Nicht Ekel. Etwas anderes: ein kaltes, klares Wissen.
Das war nicht Krieg gewesen.
Nicht Hunger.
Nicht Unfall.
Das war Grausamkeit.
Viassis stand lange schweigend da. Konrad ebenfalls. Und in diesem Schweigen formte sich etwas, das stärker war als jede Erinnerung: eine Überzeugung, so scharf wie ein Messer.
Wenn es so etwas gab… dann gab es auch das Gegenteil.
Wenn Menschen so tief fallen konnten… dann musste es etwas geben, das darüber stand. Eine Macht. Ein Gesetz. Ein Sinn. Eine Grenze.
Sie sprachen nicht von Göttern, nicht von Namen, nicht von Tempeln. Aber beide wussten, dass sie in den Schatten einer Wahrheit standen, die größer war als sie.
Und sie schworen.
Nicht mit großen Worten, sondern mit Blicken, mit knappen Sätzen, die sich einbrannten.
So etwas durfte nie wieder geschehen.
Wenn diese Welt eine zweite Chance war, dann sollte sie nicht in Blut und Wahnsinn enden. Nicht wieder. Nicht solange sie atmeten. Die Menschheit musste geschützt werden. Verteidigt. Gegen das, was in den Ritualkreisen gewütet hatte… und gegen das, was vielleicht noch immer dort lauerte.
Als Konrad später wieder allein war, merkte er, wie müde ihn das Umherziehen gemacht hatte. Nicht körperlich. Es war die Art Müdigkeit, die aus dem Inneren kommt, wenn man zu viel Dunkelheit gesehen hat.
Und so kehrte er zurück.
Zur ersten Siedlung, die er nach seinem Erwachen erreicht hatte. Zu einem Ort, der noch nicht wirklich lebte, aber leben konnte, wenn man ihm eine Seele gab.
Dort traf er Cahir.
Cahir war anders als Viassis, doch ebenso rechtschaffen. Ein Mann, der die Welt nicht ertrug, wenn sie ungerecht war. Ein Krieger, dem man ansah, dass er Ordnung nicht liebte, weil sie bequem war, sondern weil Chaos immer Opfer forderte.
Konrad und Cahir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. Eine Sprache aus Plänen, Arbeit, Hoffnung.
Sie beschlossen, die Siedlung nicht dem Zufall zu überlassen. Nicht den Räubern, nicht den Verzweifelten, nicht den dunklen Dingen, die nachts über die Wege krochen. Sie wollten einen Ort schaffen, der mehr war als ein paar Häuser.
Eine Zuflucht.
Ein Heim für jene, die erwacht waren und nichts hatten außer Angst, Hunger und Fragen.
Der Name kam wie von selbst: Eichenwacht.
Wache. Nicht Herrschaft. Nicht Macht.
Nur Wache.
Sie fertigten Aushänge an, riefen Händler, Handwerker, Reisende. Sie boten Schutz, Gemeinschaft, einen Neuanfang. Und tatsächlich: Es dauerte nicht lange, bis erste Händler sich niederließen. Stimmen wurden mehr. Feuer brannten länger. Türen standen häufiger offen.
Eichenwacht begann zu atmen.
Doch mit dem Leben kam auch der Lärm. Der Trubel. Das ständige Reden, das ständige Planen. Und Konrad merkte, dass er zwar ein Teil davon sein konnte… aber nicht darin aufgehen durfte.
Denn in ihm war etwas, das Stille verlangte.
So fand er seinen Ort.
Den Friedhof.
Ein einfacher Ort, unscheinbar vielleicht für die meisten. Doch für Konrad war er wie ein Anker. Hier gab es keine Forderungen. Keine Geschäfte. Keine Gerüchte, die sich überschlugen. Nur Erde. Stein. Und das Schweigen.
Konrad wusste nicht, wer dort begraben lag. Er kannte keine Namen, keine Geschichten. Aber das spielte keine Rolle. Die Toten brauchten keine Erinnerung. Sie brauchten Würde.
Er begann, die Gräber zu pflegen. Erde zu glätten. Steine aufzurichten. Unkraut zu entfernen. Und manchmal saß er einfach da, als würde er zuhören.
Er hielt Wache.
Nicht weil er Angst hatte. Sondern weil er es als Pflicht empfand.
Denn Gerüchte gingen um.
In anderen Siedlungen, in Eulenrast und Drachenbruch, sollen sich die Toten erhoben haben. Leiber, die nicht ruhen wollten. Gestalten, die wieder umher wandelten, als hätten sie den Schlaf verweigert.
Konrad nahm diese Erzählungen ernst. Zu ernst, sagten manche. Doch er wusste, was viele nicht wussten:
Wenn Tote wandeln… dann ist nicht der Tod das Problem.
Sondern das, was ihn entweiht.
Und so ließ er sich schließlich in der kleinen Hütte am Friedhof von Eichenwacht nieder. Dort, wo die Luft still war und die Nächte schwer. Dort, wo man den Übergang spüren konnte.
Er hatte noch immer keine Erinnerung.
Aber er hatte eine Aufgabe.
Und während Eichenwacht wuchs und lebendig wurde, saß Konrad Kaltenbach oft draußen vor der Hütte, die Hände ruhig im Schoß, den Blick über die Gräber gerichtet.
Als würde er wachen.
Nicht über die Lebenden.
Sondern über den Frieden der Toten.
Schatten erheben sich
Die Tage verstrichen und es kehrte beinahe so etwas wie Normalität ein. Immer wieder erreichten neue Erwachte die Siedlung. Einige blieben, andere zogen weiter.
Aber so war es nun einmal das Leben: Ein ständiges Kommen und Gehen.
Und in dieses Leben mischte sich nun Kat ein. Eine junge Frau, die vor Energie, Tatendrang und schier grenzenlosem Optimismus quirlig hier und da herum wirbelte.
So sehr er sich auch nach Ruhe sehnte, so sehr tat ihm auch die erfrischende Art dieser lebenslustigen und gutmütigen Seele wohl im Herzen.
Sie schmiedeten Pläne, wie sie ein Heilerhaus in der Stadt etablieren konnten, besahen sich einige Gebäude und auch so schien zwischen den beiden eine Harmonie zu existieren, die er nicht für möglich gehalten hatte.
Der Gedanke, sich auch um die Lebenden zu kümmern, gefiel ihm. Denn alles musste irgendwie im Gleichgewicht sein, fand er.
Doch zwischen allen Plänen und Ideen zog es ihn immer wieder in die Abgeschiedenheit seiner Hütte.
Ständig unter den wachsamen Augen der zahlreichen Raben, die sich in der Gegend aufhielten, erledigte er sein Tagwerk. Und es kam ihm vor, als würden die Vögel ihn auf Schritt und Tritt beobachten. Sie wurden zu seinem ständigen Begleiter. Wie ein Schatten hefteten sie sich bisweilen an seine Fersen.
"Was, wenn sie Diener oder Boten einer höheren Macht sind?", ging es ihm wieder und wieder durch den Kopf. Und irgendetwas musste an dem Gedanken dran sein, befand er.
Schließlich entdeckte er immer mehr Fähigkeiten und Gaben an sich, die er nur auf eine höhere Macht zurückführen konnte.
Nur weil er darum bat, schlossen sich die Wunden seiner Gefährten schneller oder sie erholten sich von körperlicher Anstrengung
Mit der Zeit kamen dann die Träume.
Wo er bisher traumlos, tief und fest schlief, mischten sich nun Bilder und Visionen in seinen Schlaf. Bilder, die er noch nicht richtig zuordnen konnte.
In einem seiner Träume saß er auf dem Rücken eines riesigen Vogels, dessen schwarze Schwingen die Sonne zu bedecken vermochten. Er flog mit ihm über die Welt, sah hier und da nach dem Rechten, half wo er nur konnte. Und ein Gefühl grenzenloser Freiheit machte sich dabei in ihm breit.
In einem anderen sah er eine schwarze vermummte Gestalt, die in einer Art eisernem Käfig einen darin angeketteten Menschen folterte.
Weiterhin sah er in der Nacht darauf eine schier endlose Zahl rastloser Toter, die von einer unkenntlichen Gestalt gelenkt und geführt wude.
Schweißgebadet wachte er auf.
Was hatten die Träume zu bedeuten, die ihn neuerdings heimsuchten?
Hatte er die Gabe im Schlaf zu sehen, was war, ist und sein wird?
War am Ende alles nur Zufall?
Er wusste es nicht. Und seine neuen Freunde und Gefährten wollte er vorerst auch nicht einweihen. Ob nun aus Angst, dass sie ihn verstoßen würden, oder aus dem Wissen heraus, dass er damit nur Unruhe in den scheinbaren Frieden des städtischen Alltags bringen würde, konnte er nicht sagen.
Doch er befand es für besser, diese Visionen für sich zu behalten, bis sie eventuell einmal von Relevanz sein würden.
Er ahnte nicht, wie schnell das eintreten würde...
Als er an diesem einen verhängnisvollen Abend, geschafft vom Tagwerk, die Stille seiner Hütte aufsuchte und auch schon fast eingeschlafen war, schreckte er hoch.
Hatte er etwas gehört? War es nur eine Ahnung? Ein Gefühl? Irgendetwas störte seinen inneren Frieden und die Ruhe, die er in der Abgeschiedenheit zu finden hoffte.
Also wagte er sich nach draußen. Mit seinem neuen Stab, den er am selben Tag erst von Kat erhalten hatte, in den Händen trottete er schlaftrunken nach draußen. Mit jedem Schritt, den er tat, wuchs in ihm das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war.
Und da sah er es: Eine schwarz vermummte Gestalt schritt um die Ecke. Keine Regung, keine Emotion war in deren Augen zu erkennen, als sie unvermittelt einen Dolch zückte und auf ihn zu ging. Reflexartig riss Konrad den Stab hoch, so dass das Messer, das nicht aus einem gewöhnlichen Metall zu sein schien, nur eine Scharte auf diesem hinterließ.
Doch von der Wucht getroffen taumelte er nach hinten und kam zu Fall.
Die Raben krächzten lautstark, ob des ungewöhnlichen Getümmels bei der Hütte.
"Ob sie wohl um Hilfe rufen?", schoss es Konrad durch den Kopf, als er auf dem Hintern aufschlug.
Zumindest sah er im Fallen noch 2 weitere Schemen am Strand in seine Richtung entlang huschen.
Kat! Leomar!
Was auch immer die beiden her geführt hatte: Sie kamen zur rechten Zeit.
Der Angreifer entschwand. Irgendwo in Richtung Norden verloren sich seine Spuren im Sand. Als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst oder wäre davon geflogen.
Fassungslos und von den Ereignissen sichtlich gezeichnet stand er mit seinen Freunden nun da.
Was war hier geschehen? Wer hegte Groll gegen den stillen Gesellen? Hatte sich die Gestalt vielleicht bei etwas gestört gefühlt? Hatte sein Erscheinen etwas mit den wandelnden Toten zu tun, die auch in Drachenbruch und Eulenrast aufgetaucht waren?
Und wenn er versucht hatte, auch hier die Toten aus ihren Ruhestätten zu holen?
Hatte dieser ausgemergelte Händler aus der Eulenrast damit etwas zu tun, der kurz zuvor in der Stadt ankam?
Tausend Gedanken schossen den dreien durch die Köpfe, als sie beratschlagten, was als nächstes zu tun sei.
Doch bei allen Ideen, Vermutungen und Theorien waren sie sich in einem sicher:
Die Zeiten des Friedens und der Ruhe waren vorbei. Irgendetwas ging hier vor. Und sie wollten nicht eher ruhen, bis sie herausgefunden hätten was – und sich dem stellten.
