Im Haus der Begabungen habe ich interessante Leute kennengelernt. Neben Primeris, den ich schon gekannt habe, waren da noch Darian, Lazzarr, Saikha, Silas und Samantha, wobei sich Letztere nicht vorstellte, ihr Name aber fiel. Es wurde viel Wichtiges besprochen, keine Zeit für großes Kennenlernen, aber man wird die gegenseitige Vorstellung wohl nachholen können. Und ja, die Gesprächsthemen drehten sich vorweg um ‚lebendige‘ Skelette und dieses Netz, welches die Gelehrten gefunden hatten – und auch um die Eulenrast und den dortigen Schimmelbefall.
Jetzt, einen Tag später, ist dieses Thema schon wieder im Mittelpunkt des Interesses: Als ich in Eichenwacht auf Leomar gestoßen bin, hat er mir bald erzählt, dass ein Händler der Eulenrast im Heilerhaus läge, um dort von Kat und Konrad umsorgt zu werden. Ich bot sofort meine Hilfe an. Und ja, diesen Konrad wollte ich auch einmal kennenlernen, so viel, wie ich von ihm schon gehört habe. Viel zu helfen gab es dann jedoch nicht: Ich habe den Versuchen von Kat und Konrad gelauscht, die verwirrten Worte des Patienten zu deuten. Gerade mal seine Decke konnte ich dem Erschöpften richten, als er endlich eingeschlafen war, ein paar Worte der Kräftigung dazu…dann schlichen wir schon raus und ließen ihn ruhen.
Es ging dann zur Eulenrast. Um zu warnen. Eine Frau, die die anderen „Es“ nannten, wurde informiert, über all das, was über Skelette und Schimmel so vermutet wurde. Als sich die Gruppe dann wieder aufmachte, griff am „Acker“ der Eulenrast ein seltsames Vieh an. Überrascht, aber gerade noch rechtzeitig zogen die Kämpfer ihre Klingen. Ich stand etwas abseits…und, fast wie von selbst, deutete ich mit dem Zeigefinger auf das Vieh und ließ es dadurch vor Schmerzen zucken. Ich war überrascht, was ich ‚angerichtet‘ hatte. Weniger verwunderlich war das Gefühl, das sich kurze Zeit später in mir einstellte: Diese Düsterheit. Ein Abbild dessen, was ich in der Welt bewirkt hatte, spiegelte sich in meinem Inneren wider. Ich kannte diese Wechselwirkung schon und auch meine Träume mahnten mich oft, die Waage im Gleichgewicht zu halten. Ich verabschiedete mich also mit den schlichten Worten, dass ich in die Einsiedelei gehen müsse. Dort bin ich nun, fern des gewohnten Steinkreises, auf einer Lichtung an einer Quelle, um nach dieser Niederschrift mit der Meditation zu beginnen. Um inneren Ausgleich zu finden.
Es fügt sich mir ein Bild: Der Rabe, mit schwarzem Gefieder, flog in meinen Träumen durch den Nebel und ließ sich zielstrebig auf einem Runenstein nieder. Immer und immer wieder. Ich konnte den Traum nie deuten - habe ich heute die Antwort erlangt?
Als mich am heutigen Abend Kat und Leomar zu diesem Haus in Eichenwacht führten, meinten sie schon vorweg, dass die ganze Ansiedelung wohl im Zeichen des Raben steht oder zumindest früher gestanden habe. Und in dem Haus sah ich ihn plötzlich vor mir: Der Runenstein des heiligen Raben. Ich schloss die Augen und ging in mich, ‚fühlte‘ den Ort, diese Mischung aus Düsternis und Helligkeit. Kurz - das, wofür dieses weise, rätselhafte Wesen des Raben steht, dieser Grenzgänger zwischen Finsternis und Helligkeit, der Überbringer von Wissen und Nachrichten, seien sie unliebsam oder herbeigesehnt. Das Wesen, dem ich mich verbunden fühle, wie es scheint, denn ist doch der Rabe gleich wie ich von rätselhafter Natur und vielleicht gerade deshalb, wie auch ich, darauf bedacht, sein Inneres und Äußeres im Gleichgewicht zu halten.
Dann begingen wir gemeinsam noch das Haus, welches mir schon vor Tagen aufgefallen war, lag es doch an dieser Quelle, die direkt aus dem Stein nahe dem Ort der Kraft und eben diesem Runenstein des Raben entsprang. Ich konnte förmlich die Energie spüren, die sich mir dort darbot, wusch mir Hände und Gesicht mit dem kühlen Nass und füllte etwas davon in die Phiole, die ich kürzlich erwerben konnte. Sofern die Skelette nicht wieder den Steinkreis okkupiert haben, würde ich später dort das Wasser weihen.
