Als Alira erwachte, wusste sie nicht, wo sie war. Der Boden unter ihr war kalt und feucht, der Himmel über ihr wirkte falsch, als hätte jemand die Farben vertauscht. Es roch nach Salz, nach Erde und nach etwas Moderndem, das sie nicht einordnen konnte. In ihrem Kopf herrschte Leere. Keine Bilder, keine Stimmen, keine Vergangenheit.
Nur ein Name war geblieben.
Alira.
Sie wusste nicht, woher sie ihn kannte, doch er fühlte sich richtig an. Als hätte jemand ihn tief in ihr verankert, tiefer als jede Erinnerung. Andere hatten weniger Glück. Manche erinnerten sich nicht einmal mehr daran, wie sie sich selbst nennen sollten. Alira nahm den Namen, hielt ihn fest und machte weiter.
Diese vermeintliche Insel ließ niemandem Zeit zum Nachdenken. Wer nicht sammelte, hungerte. Wer nicht lernte, blieb auf der Stell. Wer sich nicht wehrte, starb. Wasser musste gesucht, Nahrung mühsam beschafft, Schutz vor Wind und Regen selbst errichtet, oder einfach besetzt werden. Jeder Tag war ein Kampf um einfache Dinge, die früher selbstverständlich gewesen sein mussten. Alira arbeitete mit, so gut sie konnte, doch sie war nie ganz bei Kräften. Schlank, fast schmal wirkte sie, oft blasser als die anderen, als läge ständig ein Schatten auf ihr. Sie schob es auf Erschöpfung, auf Mangelernährung, auf dieses fremde Land, das niemanden willkommen hieß.
Manchmal jedoch spürte sie, dass etwas anderes nicht stimmte.
Es fing an mit dieser Verletzung von diesem elendingen Waschbären, der ihren Arm zerkratze, beim nächsten aufeinandertreffen geschah etwas, was sie nicht erklären konnte. Sie wirkte, oder etwas wirkte, anfänglich wusste sie nicht was überhaupt passierte. Doch sie hatte nie das Gefühl, es wirklich zu kontrollieren. Es war eher, als würde etwas durch sie hindurchwirken, als wäre sie ein Kanal, kein Ursprung.
Je öfter sie diese Kraft nutzte, desto schwächer fühlte sie sich danach. Kopfschmerzen, Zittern, ein dumpfes Ziehen tief hinter den Augen. Manchmal hatte sie das unheimliche Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht von den Menschen um sie herum, sondern von etwas, das näher war. Etwas, das nicht außerhalb ihres Körpers lauerte, sondern in ihr.
Auf der Insel lebten verschiedene Menschen, doch manche waren anders. Ihre Gesichter weckten kein klares Bild. Doch sie wussten etwas, das Alira nicht wusste. Manchmal fiel ein Name.
Kareth.
Jedes Mal, wenn er ausgesprochen wurde, geschah dasselbe. Ein stechender Schmerz fuhr ihr durch den Kopf, so plötzlich, dass ihr beinah schwarz vor Augen wurde. Schwindel ließ den Boden kippen, ihr Herz raste, ihr Körper verkrampfte sich, als hätte jemand an unsichtbaren Fäden gezogen. In diesen Momenten regte sich etwas in ihr - panisch, wütend, abwehrend.
Nicht zuhören.
Nicht wissen.
Sie wusste nicht, woher dieses Gefühl kam. Sie wusste nur, dass sie fortmusste. Jedes Mal suchte sie das Weite, rannte hinaus in den Wald oder über die Klippenpfade, bis der Schmerz nachließ und das Drängen in ihrem Innern wieder schwieg. Erst redete sie sich ein, es sei bloß Überlastung. Hunger. Schwäche. Stress. Aber es passierte erneut und erneut und erneut. Doch mit der Zeit konnte sie es besser aushalten. Aber dieses Gefühl hatte sie auch beim Einsetzen ihrer Kräfte, so war es gar nicht unnormal geworden in diesem Zustand zu sein.
Die Nächte waren aber sogar noch schlimmer.
Wenn sie schlief, verkrampfte sich ihr Körper. Sie wachte schweißnass auf, mit blutigen Fingernägeln und zitterndem Atem. Träume verfolgten sie, an die sie sich kaum oder gar nicht erinnern konnte. Schatten ohne Form, Stimmen ohne Sprache, ein Druck auf ihrem Geist, als würde etwas vorsichtig testen, wie viel sie ertragen konnte, ohne zu zerbrechen.
Etwas rüttelte an ihr.
Nicht hastig.
Nicht auffällig.
Sondern zehrend.
Sie glaubte, ihr Unwohlsein sei der Preis des Überlebens. Dass diese Welt alle krank mache, früher oder später. Dass niemand hier unversehrt blieb. Sie sprach nicht darüber. Zum Glück fragte niemand nach.
So wanderte Alira weiter über die Insel, jemand, die nicht wusste, woher ihre Macht kam. Sie glaubte fest daran, dass Dämmerbeeren schuld seien. Dass irgendein Gift sie alle in diesen Zustand versetzt hatte, nichts mehr zu wissen. Es war eine einfache Erklärung. Eine harmlose. Eine, die sie nachts schlafen ließ, manchmal, halbe Nächte. Auch wenn sie wusste, dass es Unsinn war.
Wer weiß, warum sich niemand an die Vergangenheit erinnert, aber warum sie sich nicht an ihren Nachnamen erinnert, scheint einen anderen Hintergrund zu haben. Aber das wusste sie natürlich selber nicht, oder noch nicht?
Alles begann mit dem Gehen.
Alira wusste nicht, wie lange sie schon unterwegs war, seit sie im feuchten Gras dieses dunklen Waldes erwacht war. Die Erinnerung daran lag wie ein dünner Schleier über ihrem Geist, spürbar, aber nicht greifbar. Schritte folgten auf Schritte, Tage auf Nächte, ohne dass sie sie hätte zählen können. Hunger kam und ging, Müdigkeit ebenso. Gefühle dagegen blieben. Unsicherheit. Eine leise, nagende Unruhe.
Nicht lange nach ihrem Erwachen traf sie auf eine Frau.
Sie nannte sich „Es“. Zumindest war das der Name, den sie benutzte. Warum, erklärte sie nicht weiter, nur dass sie sich an ihren eigentlichen Namen nicht erinnern könne. Seltsam war das und doch fühlte es sich für Alira nicht befremdlich an. Eher vertraut, auf eine Art, die ihr selbst Angst machte. Zwischen ihnen nach kurzer Zeit, ein stilles Nebeneinander, ein gemeinsames Weitergehen. Und irgendwann ein gegenseitiges Bleiben.
Sie lernte in dieser Waldsiedlung noch weitere Leute dort kennen, ohne je wirklich Teil von diesem Ort zu werden. Irgendwann begann "Es", die Siedlung „Fiepsingen“ zu nennen. Der Name setzte sich fest, ohne dass jemand widersprach. Vielleicht, weil niemandem ein besserer einfiel. Vielleicht, weil es egal war.
Die Tage vergingen. Fiepsingen wirkte wie ein Ort, der langsam aus der Welt herausrutschte. Abgelegen, vergessen, zu weit entfernt von allem, was Bedeutung hatte, zumindest für Alira. Als eine Rattenplage kam, war das nur der letzte Stoß. Manche sagten, das sei der Grund gewesen, warum die Leute gingen. Andere meinten, sie hätten es einfach nicht mehr ausgehalten, so weit ab vom Schuss zu leben. Alira glaubte, der Ort sei nie dafür gedacht gewesen, zu bleiben.
Sie ging mit denen, die sie inzwischen kannte.
Der Weg führte sie zur Eulenrast, einer Taverne an einem Bergpass. Ein Ort zwischen Kommen und Gehen, zwischen Aufbruch und Rast. Dort traf sie auf weitere, bereits bekannte Gestalten, die wie lose Fäden wirkten, zufällig miteinander verknüpft. Suraki, der mit seinem Lächeln und seinen Worten stets zu viel war, als spiele er eine Rolle, die er selbst nicht ernst nahm. Prim, der behauptete, Koch zu sein, ohne das Alira ihn überhaupt je am Kochen sah. Doran, der Schmied, der scheinbar überall und nirgends zuhause war, als gehöre ihm die ganze Insel und doch kein einziger Ort.
Und dann kamen die Kareths.
Anfangs waren sie… erträglich. Laut, chaotisch, aber nicht grundsätzlich nervtötend. Doch es wurden immer mehr. Als hätten sie die Angewohnheit, sich zu vermehren, sobald man nicht hinsah. Manche von ihnen waren in Ordnung, das musste Alira sich eingestehen. Andere hingegen raubten ihr den letzten Nerv. Besonders diese eine – die Prinzessin, wie Alira sie nur nannte. Schnöselig, mit einem Tonfall und Wortwahl, die bei Alira das Blut in Wallung brachte. Mehr als einmal stellte sie sich vor, wie befreiend es wäre, sie einfach in einen Weiher zu stoßen. Einen möglichst tiefen.
Mit der Zeit bemerkte Alira, dass sich etwas veränderte.
Namen rutschten ihr weg. Orte verschwammen. Gespräche hinterließen Lücken. Vielleicht lag es an der ständigen Reizüberflutung, an den Kareths, an diesem nie endenden Strom aus Menschen und Stimmen. Vielleicht auch nicht. Manchmal wachte sie mitten im Wald auf, ohne zu wissen, wie sie dorthin gelangt war. Oder warum.
Gelegentlich hörte sie sich selbst reden, wirres Zeug, zusammenhanglos, fremd. Erst später begriff sie, dass diese Worte aus ihrem eigenen Mund gekommen waren. Und dann blieb nur noch dieses kalte Gefühl im Magen.
Etwas stimmte nicht.
Es gab Tage, an denen sie aufstand und sich schon beim ersten Atemzug fremd fühlte, als hätte jemand ihren Körper vor ihr benutzt. Die Müdigkeit saß tief in den Knochen, aber nicht wie Erschöpfung, eher wie ein Nachhall. Als wäre etwas in ihr noch nicht fertig.
Sie tat Dinge, ohne darüber nachzudenken. Sammelte Kräuter, die sie nicht benennen konnte und wusste trotzdem genau, welche sie brauchte, nur nicht wofür. Wenn man sie ansprach, reagierte sie oft einen Herzschlag zu spät. Als müsse sie erst zurückkehren. In Gesprächen rutschten ihr Sätze heraus, die absolut merkwürdig waren, aber auch wohl manchmal zu unpassend. Danach blieb dieses dumpfe Gefühl, etwas preisgegeben zu haben, das niemand hatte hören sollen.
Ihr Gedächtnis begann, sich seltsam zu verhalten. Nicht brüchig. Eher… selektiv. Unwichtige Dinge blieben hängen, während Namen, Wege, Absprachen verschwanden. Sie wusste noch, wie der Wind am Pass roch, aber nicht mehr, warum sie dort gewesen war. Manchmal stand sie einfach still, irgendwo zwischen Bäumen oder Häusern und brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie dort hingegangen war.
Es war, als würde etwas in ihr Entscheidungen vorbereiten, lange bevor sie sie traf.
"Es" bemerkte es vermutlich, ohne es auszusprechen. Blieb in ihrer Nähe. Das Schweigen zwischen ihnen wurde dichter, aber nicht unangenehm. Eher notwendig. Als dürfe man gewisse Dinge nicht laut machen, um sie nicht wahr werden zu lassen.
Je länger sie unterwegs waren, desto mehr zog sich Alira zurück. Nicht von den Menschen, von sich selbst. Sie lachte, wenn es erwartet wurde. Sie nickte, wenn man sprach. Doch innerlich war sie oft woanders, an einem Ort ohne Bilder, ohne Gedanken, nur mit diesem stetigen Druck, der sie vorwärts schob.
Manchmal überkam sie ein Drang, weiterzugehen, einfach aufzubrechen, mitten in der Nacht, ohne Ziel. Sie wusste nicht, woher dieser Impuls kam. Nur, dass Widerstand anstrengender war, als ihm nachzugeben.
Alira fragte sich nicht mehr, ob etwas mit ihr nicht stimmte.
Sie fragte sich nur noch, wie lange sie so weitermachen konnte, ohne dass es jemandem auffiel.
Und irgendwo in diesem Gedanken lag eine leise, wohl begründete Angst –
dass es längst jemandem aufgefallen war.
In der Eulenrast blieb Alira länger, als sie es irgendwo zuvor bis dahin getan hatte. Es wurde irgendwie ein Zuhause. Aus den Menschen, die dort zusammenkamen, formte sich langsam etwas, das Bestand hatte, zumindest vorübergehend, teilweise, halbtags, 2x pro Stunde klappte es, 4x nicht. Ein Haufen Gestalten, jeder mit seinen eigenen Fehlern, seinen eigenen Macken, seinen eigenen Abgründen. Alira dachte manchmal, es sei ein Irrenhaus. Und genau dieser Gedanke beruhigte sie mehr, als er sollte. Denn wenn alle hier irgendwie falsch waren, dann fiel sie weniger auf.
Ihr eigener Zustand besserte sich nicht. Er verschob sich nur. Die Aussetzer häuften sich. Immer öfter fand sie sich an Orten wieder, an die sie sich nicht erinnern konnte, mitten im Wald, fernab von Wegen, mit schmutzigen Händen und einem dumpfen Druck hinter den Augen. Manchmal sprach sie, ohne es zu wollen, Worte, die sich anfühlten, als kämen sie aus einer Tiefe, die sie selbst nicht erreichte. Sie versuchte sich einzureden, dass das normal sei. Jeder dachte doch mit sich selbst. Jeder führte innere Gespräche. Doch bei ihr war es anders. Sie merkte es nur selten im Moment. Erst später kam dieses Nachhallen, dieses unangenehme Bewusstsein, dass sie etwas getan oder gesagt hatte, das nicht ganz ihr gehört hatte.
Etwas in ihr drängte. Kein klarer Befehl, keine Stimme, die man hätte überhören können. Eher ein ständiges Antreiben, ein inneres Schieben, als würde jemand ihre Impulse vorsortieren. Sie stellte sich die Frage, ob das normal war. Ob andere Menschen auch dieses Gefühl kannten. Ob sie einfach zu empfindlich war oder ob sie sich etwas einbildete. Doch jedes Mal, wenn sie versuchte, innezuhalten, kam dieses Ziehen, diese Ungeduld, diese flackernde Wut, die keinen klaren Ursprung hatte.
Der Abend des Festes blieb wie ein dunkler Fleck in ihrem Gedächtnis. Nicht wegen einzelner Worte oder Gesichter, sondern wegen der Intensität dessen, was sie fühlte. Die Wut war plötzlich dagewesen, ungebremst, roh, als hätte man etwas in ihr aufgerissen. An Morven ließ sie alles aus, Worte, Vorwürfe, Härte, die sie selbst erschreckten. Sie hatte sich nicht erkannt in diesem Moment. Und doch war da ein Teil von ihr gewesen, der es genossen hatte, endlich nicht mehr zu zögern.
Die Tage danach waren instabil.
Nähe und Streit wechselten sich ab, Spannungen lagen ständig in der Luft. Platsch, wurde sie von Thorus in den Dreck befördert. Es brauchte wenig, um sie zum Platzen zu bringen. Nagut, das sie jemand in den Matsch gestoßen hat, war auch nicht sonderlich nett. Immer wieder dieses innere Drängen, dieses leise Anfeuern, das sie weitertrieb, wenn sie eigentlich schweigen wollte. "Mach es. Jetzt." "Hör auf zu warten." Sie hasste sich dafür, wie bereitwillig sie diesen Impulsen folgte und gleichzeitig fiel es ihr immer schwerer, sich ihnen zu widersetzen. Sie konnte nur alles abschalten und wie ein deprimierter Kartoffelsack dort hängen, um zu versuchen nicht auszubrechen. Das glückte desöftern, gut für die anderen.
Eine Sache änderte sich jedoch für sie und das schon vor dem Fest, als sie diese Spruchrolle erhielt. Sie verstand erst nichts davon. Zauber, sagten sie. Ein Geschenk. Etwas Besonderes. Alira hielt das Ding in den Händen und fühlte nichts als Leere. In derselben Nacht wachte sie wieder im Wald auf, ohne zu wissen, wie sie dorthin gelangt war. Diesmal war es anders. Diesmal war da dieses Fremde in ihrem Mund, ein widerwärtiges, lebendiges Gefühl. Sie ging zurück zur Eulenrast, benommen und erst dort wurde ihr klar, dass etwas nicht stimmte. Vor Suraki und Es spuckte sie es aus. Eine kleine Kröte landete auf dem Boden, kaum größer als ein Fingernagel, feucht, reglos für einen Moment, dann lebendig. Sie starrten einander an. Wieder so eine Situation. Wieder etwas, das man nicht erklären konnte.
Sie nannte ihn Krötenheini, ohne zu wissen warum. Der Name war einfach da, wie so vieles in letzter Zeit.
Sie behielt ihn bei sich. Vielleicht, weil er nichts forderte. Vielleicht, weil er blieb. Er wurde ein stiller Begleiter, etwas Verlässliches in all dem Chaos. Und mit ihm begann die Magie zu funktionieren. Der Zauber, den sie nicht verstanden hatte, floss plötzlich durch sie, zuerst zögerlich, dann immer sicherer. Ihre Kratzer schlossen sich schneller, als sie sollten. Ihr Körper reagierte anders, passte sich an, wurde widerstandsfähiger, fremder. Sie fühlte eine Kraft in sich, die endlich Raum bekam. Wie eine Kröte, die überlebt, wo andere verenden.
Krötenheini war Teil davon. Das wusste sie, nein, das dachte sie.
Und je öfter er bei ihr war, desto leiser wurde die andere Stimme. Mit Absicht?
Sie verschwand nicht vollständig, aber sie rückte in den Hintergrund, als hätte jemand den Platz gewechselt. Manchmal fragte Alira sich, ob Krötenheini diese Stimme war oder ob er sie nur überlagerte. Ob er sie schützte oder ersetzte. Oder ob alles nur Hirngespinste waren.

In jener Nacht begann es anders als sonst.
Schon am frühen Abend hatte sich ein Geruch in der Eulenrast ausgebreitet, süßlich und faul zugleich, so durchdringend, dass er sich in die Köpfe fraß. Erst hielt man es für einen schlechten Witz, doch schließlich fanden sie es, ein Haufen gammligen Gemüses, schwarz und eingesunken, als hätte es von innen heraus geatmet. Der Gestank war seltsam vertraut. Genau so wie bei dem Fest. Nicht wie normaler Verfall. Mehr wie etwas, das schon einmal da gewesen war und nie ganz gegangen ist, so kam es Alira zumindest vor. Und diesmal war es Suraki der die Beherrschung verloren hatte und mit voller Wucht in die Wand schlug. Das war.. seltsam.
Man hielt es kaum aus. Einer nach dem anderen stürmten sie hinaus, hustend, fluchend, die Augen tränten. Die kalte Nachtluft war kaum besser, doch wenigstens ließ sie atmen. Alira stand etwas abseits, während die anderen redeten. Sie kannte diesen Geruch, oder ähnlichen, nur zu gut.
Später, als der Wind das Schlimmste vertrieben hatte, gingen sie zurück hinein. Es war stiller als sonst. Gedämpfter. Alira legte sich hin, obwohl sie nicht müde war. Ihr Kopf fühlte sich schwer an, irgendetwas dröhnte.
Und in dieser Nacht kamen die Träume, die Albträume. Nicht wie sonst, nicht bruchstückhaft und vergessen am Morgen. Diesmal rissen sie sie hinunter wie kaltes Wasser.
Sie steht dort, in diesem Raum ohne Raum zu sein. Dunkelheit, zwar schwarz ist, aber auch irgendwie wie ein Schleier. Der Boden unter ihr fühlt sich lebendig an, pulsierend, als würde er unter einer Haut schlagen. Der Geruch aus der Eulenrast ist auch hier, nur stärker, süßer, erstickend. Er klebt in ihrer Kehle, füllt ihre Lungen und sie begreift, dass er nicht von außen kommt.
Doch irgend etwas fehlte.
Sie weiß es sofort. Noch bevor sie sich bewegt. Etwas, ist nicht mehr da. Kein Gegenstand. Kein Name. Es ist, als hätte man einen Teil ihrer Existenz sauber herausgelöst und die Stelle verschlossen, ohne Narben zu hinterlassen. Sie tastet sich ab, greift in ihre Brust, tasten über die Herzgegend. Erinnerungen an etwas, das sie in die Träume folgte.
Ein Zittern geht durch die Dunkelheit.
Schatten erscheinen langsam, als würden sie aus den Rändern der Welt sickern. Erst sind es nur Umrisse, dann Gestalten. Zu hoch. Zu schmal. Ihre Konturen flackern wie Rauch. Sie stellen sich um sie herum, lautlos, in einem Kreis. Einer nach dem anderen hebt sie die Arme und zeigen auf sie.
Nicht wütend. Nicht hasserfüllt.
Unvermeidlich.
Alira versucht, sich zu drehen, doch überall stehen sie. Ihre Finger sind lang, zu lang und wo ihre Hände enden, beginnt etwas Spitzes, Unnatürliches. Sie zeigen auf ihren Kopf. Auf ihre Brust. Auf ihren Mund. Das Flüstern setzt ein. Es ist kein Chor. Es ist ein Durcheinander aus Stimmen, die sich überlagern, Worte ohne Klang. Und doch versteht sie sie.
„Schuldig. Nicht mehr ganz. Du bist nicht mehr. Gib auf. Komm zurück.“
Etwas in ihr antwortet darauf. Ein langsames, tiefes Pochen. Nicht ihr Herz. Tiefer. Es regt sich in der Leere, die man ihr hinterlassen hat. Die Schatten werden still. Ihre Hände sinken zittrig herunter, wirken beinah wie in Panik.
Nicht vor ihr, sondern vor etwas anderem.
Der Geruch wird stärker. Er kommt nun aus ihr selbst. Aus ihrem Mund, aus ihrer Haut. Sie öffnet die Lippen, will schreien, doch stattdessen quillt Dunkelheit hervor, dick wie Rauch. Die Schatten fliehen in die Schwärze, wie im Zeitraffer, als wüssten sie, dass sie gleich nicht mehr allein sein werden.
Alles drückt auf sie ein. Etwas kommt.
Sie wacht mit einem Ruck auf.
Der Geruch hängt noch in ihrer Nase, erneut dieser Druck hinter den Augen, Tränen flossen an ihrer Wange herunter. Ihr Herz schlägt schnell. Und diesmal erinnert sie sich. An die Schatten. An die Finger. An das Pochen.

Alira war wie das Wetter im Spätherbst. Mal saß sie einfach nur da, die Schultern schwer, der Blick leer, als hätte jemand das Licht hinter ihren Augen gedimmt. Dann wieder war sie entspannt, beinahe gelöst, hörte den Gesprächen zu, nickte, sogar ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, als wäre nichts je geschehen. Und manchmal, manchmal fuhr sie aus der Haut. Ein falsches Wort, ein schiefer Blick und es war, als würde etwas in ihr nach vorne drängen.
So war es auch mit der selbsternannten Bürgermeisterin von Silberfels.
An diesem Abend hörte Alira von jemanden, was sie über die Eulenrast erzählte. Nicht nur Worte, sondern Gift. Wie sie wohl andere aufwiegelte, wie sie Zweifel säte, als würde sie Saat auswerfen auf fruchtbarem Boden. Es war kein lautes Anschreien, kein offener Angriff, es war dieses Hinterhältige, dieses „Hast du schon gehört…?“, das sich durch Köpfe fraß. Zumindest hörte sich die Erzählung ganz danach an.
Alira griff nach der Sense von Suraki und stürmte hinaus zu den Feldern. Wild entschlossen. Wenn Stille und Ignorieren nicht reichten und sie damit einfach weiter macht, dann würde eben etwas anderes brechen. Ihre Schritte waren hart, ihr Atem ging schnell, die Hände fest um den Schaft geschlossen, sie begann schon auf den ersten Blumen herum zu trampeln. Doch Olaf war schneller. Er stellte sich ihr in den Weg, redete auf sie ein und irgendwo zwischen seinen Worten fiel der entscheidende Satz: Die Bürgermeisterin war weg.
Alira blieb stehen. Starrte. Dann dieses kleine, fast peinliche „Ups“.
Später erzählte sie es anders. Natürlich. Vor den anderen klang es nach einem Sieg. Nach Abschreckung. Nach klarer Ansage. Suraki half nach, schmückte aus, nickte bedeutungsvoll. Am Ende war es beinahe eine Heldengeschichte.
Und dann, als wäre es ein schlechter Scherz, spazierte die Bürgermeisterin einfach in die Eulenrast. Ganz selbstverständlich. Als gehöre ihr der Raum. Als wäre nichts gewesen. Alira spürte, wie ihr der Kragen platzte. Doch sie riss sich zusammen. Sie hatte den ganzen Abend die Hellebarde in der Hand gehabt, mehr aus Gewohnheit als aus Notwendigkeit. Jetzt stellte sie sich damit in die Tür. Nicht drohend. Aber deutlich.
Sie wollte Antworten. Was das alles sollte. Warum sie über alle hier sprach, als wären sie Abschaum.
Die Antwort war ein „Verschwinde und halt’s Maul.“
Es traf sie wie eine Ohrfeige.
Der Vogelmann hörte es. Man sah ihm an, dass er nicht lange überlegen würde. Er preschte los. Alira wollte ihn noch zurückhalten, sagte, es sei das nicht wert. Aber .. zuspät. Da stand sie und der Vogelmann ritt direkt auf sie zu.
Alira durfte nicht reden. Sie gehorchte. Fast, eben so gut es ging.
Dann tauchte ein weiterer Mann auf, stellte sich an die Seite der Bürgermeisterin. Ein Freund, das erkannte man sofort an der Art, wie er sich vor sie schob, wie er sprach, als wäre er im Recht.
Alira spürte, wie es in ihr kochte.
„Halt dein Maul.“
Es rutschte ihr heraus. Es platzte einfach hinaus. Sie konnte es nicht länger zurück halten.
Das Schwert hob sich. Direkt in ihre Richtung. Oder war es eine Axt? Es ging so schnell.
Und dann geschah etwas Merkwürdiges.
Alira war sonst flink wie ein fauler Waschbär mit zweitausend Blaubeeren im Magen, reaktionsarm, unruhig, manchmal chaotisch. Doch jetzt war sie anders. Klar. Präzise. Wie ein Wiesel im Sprung. Kein Zögern. Kein Nachdenken.
Ihre Hand hob sich wie von selbst. Ein feuriger Dorn schoss hervor, traf. Noch einer. Ein dritter. Der Mann wich aus, zu langsam. Ein Schnitt an ihrem Oberarm. Blut. Bewegung. Pfeile vom Vogelmann. Sie preschte nach, die Hellebarde in einem sauberen, harten Schwung, bis er zu Boden ging.
Dann lag er da. Und sie stand über ihm.
Tief in ihr regte sich dieses Grollen. Dieser dunkle Trieb. Ein Verlangen, das nichts mit Verteidigung zu tun hatte. Es war kalt und klar.
„Nur ein kurzer Schnitt, dann ist es vorbei. Ihr leid noch viel größer.“
Der Gedanke war ruhig. Fast vernünftig. Sie senkte die Hellebarde vor die Kehle des Mannes, langsam. Und genau da brach das Geschrei der Bürgermeisterin los. Sie hörte nicht auf zu wettern, zu drohen, zu kreischen. Es riss Alira aus diesem Tunnel. Die Stimmen, das Chaos, das Durcheinander, es war wie kaltes Wasser ins Gesicht.
Vielleicht rettete es dem Mann das Leben.
Am Ende kehrten sie zurück.
Und Alira?
Sie saß später da, die Hände noch zittrig, das Blut längst getrocknet, notdürftig versorgt mit Bandagen. Alles war so schnell gegangen. Sie hatte das nicht gewollt. Nicht wirklich. Sie wollte keinen Kampf. Keine Eskalation. Keine Schwerter. Noch am selben Tag doch zuvor dachte sie, sie könnte das alles klären.
Warum passierten diese Dinge um sie herum?
Und warum war da dieses Gefühl gewesen, dieses kurze, klare Wissen, dass sie es beenden wollte und noch mehr Leid bringen?

Der Schimmel in der Eulenrast war noch immer da. Nicht mehr so beißend wie an jenem Abend, an dem alle fluchend und hustend aus dem Gebäude gestürzt waren, als hätte jemand ein Fass voller verdorbenem Gemüse mitten in der Stube aufgebrochen, doch der Geruch hing weiterhin in den Balken und in den Fugen der alten Wände. Wenn die Luft still stand, kroch er wieder hervor, dieser süßlich, moderige Atem von Feuchtigkeit und Fäulnis. Man gewöhnte sich daran, zumindest ein wenig, doch ganz verschwand er nie. Vielleicht war es Einbildung, vielleicht auch nicht, aber Alira hatte das Gefühl, dass dieser Geruch mehr tat als nur die Nase zu beleidigen. Die Stimmung unter den Leuten war rau geworden, Worte wurden schneller scharf, Blicke blieben einen Moment zu lange hängen und selbst harmlose Gespräche kippten manchmal in eine seltsame Schwere. Es lag etwas in der Luft, etwas, das sich nicht greifen ließ und doch überall war.
Als der Abend schließlich ruhiger wurde, zog sich Alira zurück. Nicht in eines der Betten der Rast, sondern hinunter in die Höhle, wo der Stein die Geräusche verschluckte und die Welt über ihr langsam verstummte. Dort unten war es kühl und die Dunkelheit hatte etwas Beruhigendes, auch wenn sie manchmal genauso bedrückend sein konnte wie der Gestank der Rast. Sie legte sich hin, versuchte den Kopf leer zu bekommen und die Gedanken treiben zu lassen, doch der Schlaf kam nicht sanft. Er kam wie etwas, das sie schon kannte.
Und wieder fand sie sich in dieser Dunkelheit wieder, auf dieser kalten, schwarzen Erde unter einem Himmel ohne Sterne. Der Traum war ihr nicht fremd, im Gegenteil. Er fühlte sich beinahe vertraut an, so vertraut wie ein Ort, an den man immer wieder zurückkehrt, obwohl man ihn fürchtet. Die Schatten waren bereits da, nicht plötzlich und nicht überraschend, sondern einfach vorhanden, als hätten sie nur auf sie gewartet. Sie standen um sie herum, vage Gestalten aus Dunkelheit, die sich kaum von der Finsternis unterschieden, aus der sie hervorkrochen. Ihre Umrisse bewegten sich kaum merklich, wie Rauch, der sich langsam in der Luft verdreht. Und wieder waren diese Stimmen da, dieses Flüstern, das sich nicht wirklich über die Luft bewegte, sondern irgendwo näher entstand, als würde es direkt in ihren Gedanken geboren.
Sie konnte die Worte diesmal nicht ganz greifen. Manche klangen alt, andere verzogen, als hätten sie eine lange Reise hinter sich. Doch sie wusste, dass sie an sie gerichtet waren, dass sie etwas wollten, etwas suchten, etwas versuchten. Es war immer dasselbe Gefühl, dieses seltsame Drängen, als würden die Schatten näher kommen, auch wenn sie sich kaum bewegten. Und während die Stimmen leiser und zugleich eindringlicher wurden, begann auch dieses andere Gefühl wieder aufzusteigen. Dieses dumpfe Pochen tief in ihr, das sie inzwischen kannte und dennoch jedes Mal erschreckte. Erst schwach, wie ein ferner Schlag gegen Holz, dann deutlicher, schwerer, als würde etwas von innen gegen eine verschlossene Tür drücken. Es war ein ungeduldiges Drängen, das mit jeder Silbe der Stimmen stärker wurde, ein langsames Erwachen von etwas, das lange ruhig geblieben war und nun wieder zu lauschen begann. Die Schatten standen noch immer um sie herum, manche mit erhobenen Armen, andere reglos, doch alle schienen sie anzusehen. Das Flüstern schwoll an und ebbte wieder ab und in diesem Murmeln lag etwas, das sie beinahe verstehen konnte, als stünde die Bedeutung nur einen Schritt außerhalb ihrer Reichweite.
Dann wurde das Pochen stärker.
Nicht laut, aber mächtig, ein schwerer Rhythmus, der sich gegen ihr Inneres stemmte und mit jeder Bewegung der Schatten gieriger wurde. Es war, als würde etwas in ihr diese Stimmen hören und darauf reagieren, als würde es sich aufrichten und näher an die Oberfläche drängen. Ein dunkles Verlangen, das sie gleichzeitig erschreckte und auf eine verstörende Weise anzog, als gehörte es längst zu ihr, auch wenn sie es nicht wollte. Für einen Moment schien die Dunkelheit selbst dichter zu werden, als würde der Traum sich zusammenziehen, als hielte alles um sie herum den Atem an. Ihre Hand hob sich wie durch die Fäden eines Puppenspielers und sie bemerkte in sich diese Kraft, die in ihr loderte. Der Blick riss sich auf ihre Hand und dieses grüne Glimmen loderte auf. Es richtete sich auf die Ferne, wo sie Umrisse erkannte, Umrisse eines Kamins?
Dann riss sie aus dem Schlaf.
Die Höhle war still, nur ihr eigener Atem füllte den Raum und das schwache Licht ließ die Wände grau und kalt erscheinen. Doch das Gefühl blieb noch eine Weile in ihr hängen, dieses Nachhallen des Traums, als wäre ein Teil davon nicht ganz verschwunden.
Schon zuvor bemerkte Alira immer häufiger etwas merkwürdiges. Es waren keine großen Ereignisse, keine dramatischen Zeichen, eher kleine Zufälle, die sich merkwürdig aneinanderreihten. Besonders die Karten fielen ihr immer wieder auf. Anfangs hatte sie sie nicht beachtet, als sie diese fand, mehr aus Neugier als aus ernstem Glauben an das, was sie zeigen könnten. Die alten Karten waren abgegriffen, ihre Kanten weich und die Symbole darauf wirkten manchmal mehr wie Rätsel als wie klare Botschaften. Doch nach und nach begann sie zu merken, dass das, was sie fand, sich auf seltsame Weise mit dem verband, was kurz darauf geschah.
Nicht jedes Mal, aber oft genug, dass es ihr auffiel.
Wenn eine Karte Unheil zeigte, ein gebrochenes Zeichen oder ein dunkles Symbol, dann folgte nicht selten ein Streit, ein Missgeschick oder irgendein Ärger, der sich wie ein Schatten über den Tag legte. Manchmal waren es nur kleine Dinge, manchmal größere, doch es geschah oft genug, dass sie begann darauf zu achten. Und ebenso kam es vor, dass eine Karte etwas Helles zeigte, ein Zeichen von Aufbruch oder Glück und dann tatsächlich etwas Gutes geschah, eine Idee funktionierte, ein Plan aufging oder jemand sie mit ehrlicher Anerkennung ansah.
Diese Zufälle waren es, die sie nachdenklich machten.
Manchmal saß sie da, die Karten zwischen den Fingern und betrachtete die Bilder länger als nötig. Dann kam ihr dieses merkwürdige Gefühl, als würde sie in den Symbolen etwas von sich selbst sehen, nicht ihr Gesicht, nicht ihre Gestalt, sondern die Bedeutung dahinter. Wandel. Unruhe. Dinge, die sich verändern, manchmal zum Guten, manchmal in eine Richtung, die niemand vorhersehen konnte. Es gab Tage, an denen sie das Gefühl hatte, das Unheil würde ihr folgen, als wäre sie selbst ein Magnet für die dunkleren Wendungen des Schicksals. Und dann wieder gab es Momente, in denen ihre Ideen geschätzt wurden, in denen jemand ihr dankbar zunickte oder sie für etwas lobte, das sie gesagt oder getan hatte.
Diese Gegensätze begleiteten sie ständig, als würde etwas Unsichtbares an den Fäden ziehen, ohne dass sie genau erkennen konnte, wohin sie führten.
Am Tag nach dem Traum stand sie schließlich wieder in der Eulenrast, direkt vor dem Kamin, aus dessen Mauerwerk der Schimmel besonders hartnäckig kroch. Alles war mittlerweile Überwuchert, der halbe halbe Raum. Die Flecken hatten sich dort tief in den Stein gefressen, dunkle Adern, die sich durch den Putz zogen. Alira betrachtete sie eine Weile schweigend, während der Geruch von feuchter Fäulnis wieder in ihre Nase stieg. Dann hob sie langsam die Hand, konzentrierte sich und ließ ihre Kräfte vorsichtig nach dem greifen, was hinter der sichtbaren Oberfläche lag.
Es war, als würde sich ihr Blick durch den Stein schieben.
Der Schimmel zeigte sich anders, wenn man ihn so betrachtete. Nicht mehr nur als Flecken, sondern als ein dichtes Geflecht, feine Fäden, die sich durch das Mauerwerk zogen wie die Wurzeln eines Pilzes tief unter der Erde. Ein Netz, das sich ausbreitete, tastend, wachsend, sich immer weiter verzweigend. Und irgendwo dahinter, tiefer im Stein verborgen, lag noch etwas anderes. Kein klarer Umriss, eher ein dunkler Fleck im Geflecht, etwas, das nicht dorthin zu gehören schien.
Alira hob den Arm und zeigte auf den Kamin. Jemand sollte ihn aufschlagen, das war der Gedanke, der ihr durch den Kopf ging. Man musste dahinter sehen, musste herausfinden, was dort eigentlich wuchs.
Doch in dem Moment kam es.
Das Pochen.
Diesmal nicht im Traum.
Es traf sie plötzlich, hart und unerwartet, ein dumpfer Schlag tief in ihrem Inneren, so stark, dass ihr kurz der Atem stockte. Noch einer folgte, dann ein dritter, jeder schwerer als der davor. Es fühlte sich an, als würden sich unsichtbare Ketten um ihren Leib legen, erst locker, dann enger, als wollten sie sie festhalten, sie zusammenziehen, sie binden.
Der Druck wurde stärker.
Als würde etwas versuchen, sich durch sie hindurchzudrängen.
Nicht nur zu pochen. Sondern zu greifen. Zu beherrschen.
Jemand schlug auf den Kamin ein, es knallte. Und die Schlinge legte sich immer enger um sie.

