Der Weg der Stille
 
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Der Weg der Stille

Nephren-Ka
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Die neue Welt hatte ihn empfangen.

Ohne Erinnerung.

Ohne Vergangenheit.

Und doch nicht leer.

Konrad wanderte viel in diesen ersten Tagen. Nicht rastlos, sondern suchend, als folge er einem inneren Zug, den er selbst nicht benennen konnte. Wälder, Hügel, alte Wege – alles war fremd, und doch verspürte er an manchen Orten ein sonderbares Wiedererkennen. Nicht als Erinnerung, sondern als Gefühl. Als hätte sein Körper Wissen bewahrt, das sein Geist verloren hatte.

Mehrfach stieß er auf seltsame Steine. Aufgerichtet, verwittert, mit Inschriften versehen, deren Zeichen sich seinem Verstand verschlossen. Er verweilte lange bei ihnen, strich mit den Fingern über die kalte Oberfläche, als könnten Haut und Stein miteinander sprechen. Die Bedeutung blieb ihm verborgen – aber er spürte, dass diese Steine nicht vergessen werden wollten. Sie standen nicht zufällig dort. Sie wachten.

 

Mit der Zeit erkannte Konrad, dass er anders reagierte als viele der anderen Erwachten. Wo sie Unruhe verspürten, fand er Stille. Wo sie weiterzogen, blieb er stehen. Besonders dann, wenn er Orte betrat, an denen der Tod gegenwärtig war.

Gräber.

Gruften.

Verlassene Ruhestätten.

Dort wurde sein Schritt langsamer, sein Atem ruhiger. Kein Grauen, kein Schauder – vielmehr eine tiefe, ernste Ehrfurcht. Als lausche er einem Raum, der nicht mit Ohren gehört werden wollte.

So kam es, dass er schließlich an einem großen Friedhof Halt machte. Reihen alter Grabstätten, steinerne Gruften, manche verschlossen, manche halb zerfallen. Daneben ein Gebäude, schlicht, funktional, vom Zahn der Zeit gezeichnet. Konrad wusste nicht, wofür es einst gedient hatte – doch als er die Schwelle überschritt, war ihm, als betrete er keinen fremden Ort, sondern einen, der auf ihn gewartet hatte.

Hier ließ er sich nieder.

 

In den stillen Räumen, in denen vielleicht einst Körper gewaschen, gekleidet und vorbereitet worden waren, schlief er besser als irgendwo sonst. Die Nächte waren ruhig. Traumlos – oder vielleicht so tief, dass Träume keine Bilder brauchten.

In diesen Tagen begegnete Konrad auch anderen. Menschen wie er, ohne Erinnerung, tastend, suchend. Er hörte zu, stellte Fragen, teilte Brot und Feuer. Doch so sehr ihn das Leid und die Verwirrung der Lebenden berührten – am Ende zog es ihn immer wieder zurück in die Einsamkeit. Nicht aus Kälte. Sondern aus Notwendigkeit.

Denn dort, zwischen Grabsteinen und Stille, wurde ihm etwas klar.

Der Tod war kein Ende.

Nicht Leere.

Nicht Feind.

Er konnte es nicht erklären, nicht beweisen. Aber tief in sich wusste Konrad: Nach dem letzten Atemzug folgt nicht das Nichts. Und gerade deshalb war es wichtig, dass die Toten mit Würde behandelt wurden. Dass man sie nicht vergaß, nicht entstellte, nicht entweihte. Jemand musste wachen. Jemand musste den Übergang achten.

Vielleicht war das seine Aufgabe.

Vielleicht war er genau dafür hier.

Noch nannte er es nicht Berufung.

Noch sprach er nicht von Gott oder Glauben.

Aber wenn er abends zwischen den Gräbern stand, die Hände ruhig gefaltet, und die Welt um ihn herum still wurde – dann hatte er das Gefühl, am richtigen Ort zu sein.

Und das war mehr, als Erinnerung ihm je hätte geben können.

 



   
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Nephren-Ka
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Zwischen Suchen und Finden

 

Konrad war nicht geschaffen für Stillstand. Nicht in diesen Tagen. Nicht auf dieser Welt, die ihm alles genommen hatte außer seinem Namen und diesem seltsamen Gefühl im Inneren, dass etwas nicht stimmte.

So zog er hinaus.

Er ging Wege, die keiner kannte. Pfade, die sich zwischen Bäumen verloren, als wollten sie nicht gefunden werden. Er lernte Menschen kennen, die ebenso erwacht waren wie er, Männer und Frauen, die ihre Vergangenheit wie einen verlorenen Mantel suchten. Manche wurden zu Weggefährten auf Stunden, andere auf Tage. Viele blieben nur Gesichter in der Erinnerung. Doch alle hinterließen Spuren.

Konrad hörte zu, fragte, beobachtete. Er suchte nicht nach einem Zuhause, sondern nach Wahrheit. Nach dem, was diese Welt gewesen war, bevor sie sie alle ausgespuckt hatte wie Überlebende eines großen Schiffbruchs.

Und dann traf er Viassis.

Ein Mann, der nicht viel reden musste, um verstanden zu werden. In seiner Haltung lag etwas Unverrückbares, ein Beschützerinstinkt, wie man ihn nicht erlernt, sondern in sich trägt wie einen zweiten Herzschlag. Viassis sah die Welt nicht nur mit Augen, sondern mit der Wachsamkeit eines Mannes, der jederzeit mit dem Schlimmsten rechnet.

Konrad und Viassis reisten ein Stück gemeinsam. Es war kein Bündnis aus Freundschaft, sondern eines aus Notwendigkeit. Zwei Männer, die auf unterschiedliche Weise spürten, dass sie nicht zufällig hier waren.

Sie fanden Orte, die nicht von Menschenhand verlassen wirkten, sondern von Menschenhand entweiht.

Verlassene Ritualstätten. Steine, die in Kreisen lagen, als hätte man dort die Welt aufgeschlitzt und etwas aus ihr herausgezogen. Zeichen im Boden, schwarz und hartnäckig, als hätte selbst der Regen sie nicht fortwaschen können.

Und dann fanden sie… Reste.

Nicht ein Körper. Nicht ein Grab.

Sondern Körperteile. Verwesend. Verstümmelt. Achtlos hingeworfen, als seien sie Abfall.

Konrad hatte schon vieles gesehen, seit er erwacht war. Doch das hier ließ etwas in ihm erstarren. Nicht Angst. Nicht Ekel. Etwas anderes: ein kaltes, klares Wissen.

Das war nicht Krieg gewesen.

Nicht Hunger.

Nicht Unfall.

Das war Grausamkeit.

Viassis stand lange schweigend da. Konrad ebenfalls. Und in diesem Schweigen formte sich etwas, das stärker war als jede Erinnerung: eine Überzeugung, so scharf wie ein Messer.

Wenn es so etwas gab… dann gab es auch das Gegenteil.

Wenn Menschen so tief fallen konnten… dann musste es etwas geben, das darüber stand. Eine Macht. Ein Gesetz. Ein Sinn. Eine Grenze.

Sie sprachen nicht von Göttern, nicht von Namen, nicht von Tempeln. Aber beide wussten, dass sie in den Schatten einer Wahrheit standen, die größer war als sie.

Und sie schworen.

Nicht mit großen Worten, sondern mit Blicken, mit knappen Sätzen, die sich einbrannten.

So etwas durfte nie wieder geschehen.

Wenn diese Welt eine zweite Chance war, dann sollte sie nicht in Blut und Wahnsinn enden. Nicht wieder. Nicht solange sie atmeten. Die Menschheit musste geschützt werden. Verteidigt. Gegen das, was in den Ritualkreisen gewütet hatte… und gegen das, was vielleicht noch immer dort lauerte.

Als Konrad später wieder allein war, merkte er, wie müde ihn das Umherziehen gemacht hatte. Nicht körperlich. Es war die Art Müdigkeit, die aus dem Inneren kommt, wenn man zu viel Dunkelheit gesehen hat.

Und so kehrte er zurück.

Zur ersten Siedlung, die er nach seinem Erwachen erreicht hatte. Zu einem Ort, der noch nicht wirklich lebte, aber leben konnte, wenn man ihm eine Seele gab.

Dort traf er Cahir.

Cahir war anders als Viassis, doch ebenso rechtschaffen. Ein Mann, der die Welt nicht ertrug, wenn sie ungerecht war. Ein Krieger, dem man ansah, dass er Ordnung nicht liebte, weil sie bequem war, sondern weil Chaos immer Opfer forderte.

Konrad und Cahir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. Eine Sprache aus Plänen, Arbeit, Hoffnung.

Sie beschlossen, die Siedlung nicht dem Zufall zu überlassen. Nicht den Räubern, nicht den Verzweifelten, nicht den dunklen Dingen, die nachts über die Wege krochen. Sie wollten einen Ort schaffen, der mehr war als ein paar Häuser.

Eine Zuflucht.

Ein Heim für jene, die erwacht waren und nichts hatten außer Angst, Hunger und Fragen.

Der Name kam wie von selbst: Eichenwacht.

Wache. Nicht Herrschaft. Nicht Macht.

Nur Wache.

Sie fertigten Aushänge an, riefen Händler, Handwerker, Reisende. Sie boten Schutz, Gemeinschaft, einen Neuanfang. Und tatsächlich: Es dauerte nicht lange, bis erste Händler sich niederließen. Stimmen wurden mehr. Feuer brannten länger. Türen standen häufiger offen.

Eichenwacht begann zu atmen.

Doch mit dem Leben kam auch der Lärm. Der Trubel. Das ständige Reden, das ständige Planen. Und Konrad merkte, dass er zwar ein Teil davon sein konnte… aber nicht darin aufgehen durfte.

Denn in ihm war etwas, das Stille verlangte.

So fand er seinen Ort.

Den Friedhof.

Ein einfacher Ort, unscheinbar vielleicht für die meisten. Doch für Konrad war er wie ein Anker. Hier gab es keine Forderungen. Keine Geschäfte. Keine Gerüchte, die sich überschlugen. Nur Erde. Stein. Und das Schweigen.

Konrad wusste nicht, wer dort begraben lag. Er kannte keine Namen, keine Geschichten. Aber das spielte keine Rolle. Die Toten brauchten keine Erinnerung. Sie brauchten Würde.

Er begann, die Gräber zu pflegen. Erde zu glätten. Steine aufzurichten. Unkraut zu entfernen. Und manchmal saß er einfach da, als würde er zuhören.

Er hielt Wache.

Nicht weil er Angst hatte. Sondern weil er es als Pflicht empfand.

Denn Gerüchte gingen um.

In anderen Siedlungen, in Eulenrast und Drachenbruch, sollen sich die Toten erhoben haben. Leiber, die nicht ruhen wollten. Gestalten, die wieder umher wandelten, als hätten sie den Schlaf verweigert.

Konrad nahm diese Erzählungen ernst. Zu ernst, sagten manche. Doch er wusste, was viele nicht wussten:

Wenn Tote wandeln… dann ist nicht der Tod das Problem.

Sondern das, was ihn entweiht.

Und so ließ er sich schließlich in der kleinen Hütte am Friedhof von Eichenwacht nieder. Dort, wo die Luft still war und die Nächte schwer. Dort, wo man den Übergang spüren konnte.

Er hatte noch immer keine Erinnerung.

Aber er hatte eine Aufgabe.

Und während Eichenwacht wuchs und lebendig wurde, saß Konrad Kaltenbach oft draußen vor der Hütte, die Hände ruhig im Schoß, den Blick über die Gräber gerichtet.

Als würde er wachen.

Nicht über die Lebenden.

Sondern über den Frieden der Toten.


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Nephren-Ka
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Schatten erheben sich

Die Tage verstrichen und es kehrte beinahe so etwas wie Normalität ein. Immer wieder erreichten neue Erwachte die Siedlung. Einige blieben, andere zogen weiter.

Aber so war es nun einmal das Leben: Ein ständiges Kommen und Gehen.

Und in dieses Leben mischte sich nun Kat ein. Eine junge Frau, die vor Energie, Tatendrang und schier grenzenlosem Optimismus quirlig hier und da herum wirbelte.

So sehr er sich auch nach Ruhe sehnte, so sehr tat ihm auch die erfrischende Art dieser lebenslustigen und gutmütigen Seele wohl im Herzen.

Sie schmiedeten Pläne, wie sie ein Heilerhaus in der Stadt etablieren konnten, besahen sich einige Gebäude und auch so schien zwischen den beiden eine Harmonie zu existieren, die er nicht für möglich gehalten hatte.

Der Gedanke, sich auch um die Lebenden zu kümmern, gefiel ihm. Denn alles musste irgendwie im Gleichgewicht sein, fand er.

Doch zwischen allen Plänen und Ideen zog es ihn immer wieder in die Abgeschiedenheit seiner Hütte.

Ständig unter den wachsamen Augen der zahlreichen Raben, die sich in der Gegend aufhielten, erledigte er sein Tagwerk. Und es kam ihm vor, als würden die Vögel ihn auf Schritt und Tritt beobachten. Sie wurden zu seinem ständigen Begleiter. Wie ein Schatten hefteten sie sich bisweilen an seine Fersen.

"Was, wenn sie Diener oder Boten einer höheren Macht sind?", ging es ihm wieder und wieder durch den Kopf. Und irgendetwas musste an dem Gedanken dran sein, befand er.

Schließlich entdeckte er immer mehr Fähigkeiten und Gaben an sich, die er nur auf eine höhere Macht zurückführen konnte.

Nur weil er darum bat, schlossen sich die Wunden seiner Gefährten schneller oder sie erholten sich von körperlicher Anstrengung

Mit der Zeit kamen dann die Träume.

Wo er bisher traumlos, tief und fest schlief, mischten sich nun Bilder und Visionen in seinen Schlaf. Bilder, die er noch nicht richtig zuordnen konnte.

In einem seiner Träume saß er auf dem Rücken eines riesigen Vogels, dessen schwarze Schwingen die Sonne zu bedecken vermochten. Er flog mit ihm über die Welt, sah hier und da nach dem Rechten, half wo er nur konnte. Und ein Gefühl grenzenloser Freiheit machte sich dabei in ihm breit.

In einem anderen sah er eine schwarze vermummte Gestalt, die in einer Art eisernem Käfig einen darin angeketteten Menschen folterte.

Weiterhin sah er in der Nacht darauf eine schier endlose Zahl rastloser Toter, die von einer unkenntlichen Gestalt gelenkt und geführt wude.

Schweißgebadet wachte er auf.

Was hatten die Träume zu bedeuten, die ihn neuerdings heimsuchten?

Hatte er die Gabe im Schlaf zu sehen, was war, ist und sein wird?

War am Ende alles nur Zufall?

Er wusste es nicht. Und seine neuen Freunde und Gefährten wollte er vorerst auch nicht einweihen. Ob nun aus Angst, dass sie ihn verstoßen würden, oder aus dem Wissen heraus, dass er damit nur Unruhe in den scheinbaren Frieden des städtischen Alltags bringen würde, konnte er nicht sagen.

Doch er befand es für besser, diese Visionen für sich zu behalten, bis sie eventuell einmal von Relevanz sein würden.

Er ahnte nicht, wie schnell das eintreten würde...

Als er an diesem einen verhängnisvollen Abend, geschafft vom Tagwerk, die Stille seiner Hütte aufsuchte und auch schon fast eingeschlafen war, schreckte er hoch.

Hatte er etwas gehört? War es nur eine Ahnung? Ein Gefühl? Irgendetwas störte seinen inneren Frieden und die Ruhe, die er in der Abgeschiedenheit zu finden hoffte.

Also wagte er sich nach draußen. Mit seinem neuen Stab, den er am selben Tag erst von Kat erhalten hatte, in den Händen trottete er schlaftrunken nach draußen. Mit jedem Schritt, den er tat, wuchs in ihm das Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war.

Und da sah er es: Eine schwarz vermummte Gestalt schritt um die Ecke. Keine Regung, keine Emotion war in deren Augen zu erkennen, als sie unvermittelt einen Dolch zückte und auf ihn zu ging. Reflexartig riss Konrad den Stab hoch, so dass das Messer, das nicht aus einem gewöhnlichen Metall zu sein schien, nur eine Scharte auf diesem hinterließ.

Doch von der Wucht getroffen taumelte er nach hinten und kam zu Fall.

Die Raben krächzten lautstark, ob des ungewöhnlichen Getümmels bei der Hütte.

"Ob sie wohl um Hilfe rufen?", schoss es Konrad durch den Kopf, als er auf dem Hintern aufschlug.

Zumindest sah er im Fallen noch 2 weitere Schemen am Strand in seine Richtung entlang huschen.

Kat! Leomar!

Was auch immer die beiden her geführt hatte: Sie kamen zur rechten Zeit.

Der Angreifer entschwand. Irgendwo in Richtung Norden verloren sich seine Spuren im Sand. Als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst oder wäre davon geflogen.

Fassungslos und von den Ereignissen sichtlich gezeichnet stand er mit seinen Freunden nun da.

Was war hier geschehen? Wer hegte Groll gegen den stillen Gesellen? Hatte sich die Gestalt vielleicht bei etwas gestört gefühlt? Hatte sein Erscheinen etwas mit den wandelnden Toten zu tun, die auch in Drachenbruch und Eulenrast aufgetaucht waren?

Und wenn er versucht hatte, auch hier die Toten aus ihren Ruhestätten zu holen?

Hatte dieser ausgemergelte Händler aus der Eulenrast damit etwas zu tun, der kurz zuvor in der Stadt ankam?

Tausend Gedanken schossen den dreien durch die Köpfe, als sie beratschlagten, was als nächstes zu tun sei.

Doch bei allen Ideen, Vermutungen und Theorien waren sie sich in einem sicher:

Die Zeiten des Friedens und der Ruhe waren vorbei. Irgendetwas ging hier vor. Und sie wollten nicht eher ruhen, bis sie herausgefunden hätten was – und sich dem stellten.



   
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Nephren-Ka
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Die Raben und die Träume

 

Eichenwacht war kein stiller Ort mehr.

Die Siedlung, die erst vor kurzer Zeit begonnen hatte zu wachsen, war bereits auf die Probe gestellt worden. Nicht durch Hunger, nicht durch Räuber, sondern durch etwas Wilderes. Etwas, das nicht in diese Welt zu gehören schien.

Ein Bär.

Nicht irgendein Tier aus den Wäldern, sondern ein Ungetüm von beinahe fünf Schritt Höhe. Ein Berg aus Fell, Muskeln und Zähnen, der über die Palisaden hinweg wie ein Sturm aus Wut und Blut gekommen war. Die Bewohner von Eichenwacht hatten sich ihm gemeinsam entgegengestellt. Stahl, Pfeile und Mut hatten schließlich gesiegt.

Zumindest glaubten sie das.

Denn nachdem das gewaltige Tier gefallen war, erhob es sich erneut. Doch diesmal war es nicht mehr nur ein Tier. Seltsame Ranken hatten sich durch sein Fell gewunden, als sei der Wald selbst in seinen Leib gekrochen. Dunkle, verdrehte Pflanzen, die sich durch Fleisch und Knochen zogen wie Adern eines fremden Lebens.

Der Bär lebte wieder.

Und diesmal brachte er den Tod.

Die Händler Joschka und Lina hatten keine Chance gehabt. Als die Bestie über sie herfiel, blieb kaum mehr als das, was der Kampf übrig ließ. Fleisch, Stofffetzen, Blut. Kaum noch etwas, das an zwei Menschen erinnerte, die noch am Tag zuvor Waren angeboten und gelacht hatten.

Konrad erfuhr erst am nächsten Tag davon.

Während der Angriff tobte, hatte er sich in seine Hütte am Friedhof zurückgezogen. In die Stille. In die Meditation, die ihm in den letzten Tagen immer vertrauter geworden war. Er hatte dort gesessen, den Atem ruhig, den Geist leer… während nur wenige hundert Schritte entfernt Menschen starben.

Als man ihm schließlich berichtete, was geschehen war, sagte er zunächst wenig. Er ging einfach zum Ort, an dem die Überreste lagen.

Was er dort fand, war schwer zu ertragen. Doch Konrad wich nicht zurück.

Stundenlang arbeitete er.

Mit Nadel, Faden und ruhigen Händen fügte er zusammen, was auseinandergerissen worden war. Er bandagierte, nähte, wickelte Stoff um Knochen und Fleisch, bis aus den grausam entstellten Überresten wieder etwas wurde, das entfernt an menschliche Gestalt erinnerte.

Nicht aus Täuschung.

Sondern aus Respekt.

Als seine Arbeit beendet war, brachte er die beiden zum Friedhof. Dort, vor einer alten, mächtigen Eiche, grub er die Erde auf. Die Wurzeln des Baumes ragten wie knochige Finger durch den Boden.

Dort begrub er sie.

Ohne große Worte, ohne Zuschauer.

Nur mit einem leisen Versprechen, das kaum mehr als ein Flüstern war:

Dass ihr Opfer nicht vergessen werden würde.

In diesen Tagen wurden Konrads Nächte unruhiger.

Die Träume, die ihn schon zuvor heimgesucht hatten, kamen nun häufiger. Klarer. Eindringlicher. Sie waren keine wirren Bilder mehr, sondern Szenen, die sich wiederholten, als wollten sie etwas zeigen, das verstanden werden musste.

Immer wieder erschien eine Gestalt.

Alt. Gebrechlich. In schwarze Lumpen gehüllt, die im Wind raschelten wie vertrocknete Blätter. Das Gesicht von tiefen Falten zerfurcht .

Und um sie herum: Raben.

Viele Raben.

Sie saßen auf Ästen, auf Steinen, auf der Schulter der Gestalt selbst. Manche flogen lautlos durch den Traum, ihre Flügel wie schwarze Schnitte durch die Luft.

Die Gestalt sprach nie - bis auf ein einziges Mal. Und auch das war nur ein Wort: "Dormus", flüsterten eher die Schatten, die diese Gestalt umgaben. 

Doch jedes Mal, wenn Konrad sie sah, spürte er dieselbe Gewissheit. Dieselbe tiefe, unausweichliche Wahrheit:

Dies war keine gewöhnliche Erscheinung.

Dies war eine Macht.

Eine Macht, die über Tod und Schlaf wachte. Über das Ende des Atems und die Stille danach. Eine Macht, deren Diener er vielleicht schon lange gewesen war, ohne es zu wissen.

Und vielleicht… ohne es vergessen zu können. 

So wollte er ihn fortan nennen:

Dormus - Hüter des letzten Schlafes, Herr der Stille, Vater der Raben und Wächter jenseits des Schleiers. 

 

Spoiler
Dormus

Während Konrad mit seinen Visionen rang, wurde die Welt um Eichenwacht immer unruhiger.

Gerüchte machten die Runde.

Im Süden hatte man Zombies gesehen. Leiber, die nicht hätten gehen dürfen und dennoch über die Wege schlichen. Der Zugang zur Stadt war hastig verbarrikadiert worden.

Aus Eulenrast kamen noch düsterere Nachrichten.

Ein Mord.

Dem Opfer war das Herz herausgeschnitten worden. Und doch, so hieß es, schlage dieses Herz noch immer.

Ein Körper ohne Herz.

Ein Herz ohne Ruhe.

Konrad konnte nicht anders, als an den Angriff zu denken, den er selbst vor einiger Zeit erlebt hatte. An die Schatten, die damals nach ihm gegriffen hatten.

War all das Teil derselben Dunkelheit?

Nur wenige Tage später führte ihn eine weitere Spur an einen neuen Ort.

Gemeinsam mit Cahir, Leomar, Kat, Hadrian und Alberich machte er sich daran, die alte Burg zu erkunden, die hoch über Eichenwacht thronte. Ein steinernes Relikt aus einer Zeit, die keiner von ihnen mehr kannte.

Die Mauern waren alt. Der Wind strich durch leere Hallen, als suche er nach Stimmen, die längst verstummt waren.

In einem der Räume entdeckten sie schließlich etwas.

Unter einer lockeren Diele lag ein Bündel Stoff verborgen. Als Konrad es vorsichtig hervorhob, zerfaserte das Gewebe beinahe unter seinen Fingern. Als hätte die Zeit nur darauf gewartet, dass jemand es berührte.

Im Inneren lag eine Laute.

Ein wunderschön gearbeitetes Instrument. Das Holz dunkel, glatt, mit kunstvollen Verzierungen bedeckt. Doch diese Verzierungen waren keine gewöhnlichen Ornamente.

Sie sahen aus wie Ranken.

Feine Linien, die sich umeinander wanden, genau wie jene seltsamen Pflanzen, die den untoten Bären überwuchert hatten.

Konrad betrachtete die Laute lange.

Je länger er sie ansah, desto stärker wurde ein Gefühl, das er nicht abschütteln konnte.

Als liege etwas über dem Instrument.

Ein Schatten.

Nicht sichtbar… aber spürbar.

Er versuchte instinktiv, diesen Eindruck abzuschütteln, wischte über das Holz, als könne man Dunkelheit einfach davonstreifen.

Doch der Schatten blieb.

Seine Gefährten bemerkten ebenfalls, dass etwas an diesem Instrument nicht stimmte. Einige gierten regelrecht danach, es in ihrem Besitz zu bringen. Schließlich übertrugen sie Konrad die Verantwortung dafür.

Er sollte die Laute verwahren.

Sie untersuchen.

Und vielleicht herausfinden, warum ein altes Instrument im Herzen einer verlassenen Burg verborgen lag… und warum es sich anfühlte, als hätte es den Atem von etwas, das nicht schlafen wollte.

So kehrte Konrad schließlich nach Eichenwacht zurück.

Mit neuen Fragen.

Mit einer seltsamen Laute.

Und mit der Gewissheit, dass die Raben ihn nicht ohne Grund beobachteten.

Die nächsten Tage wurde er kaum noch gesehen. Nur für die notwendigsten Dinge verließ er seine Hütte. 

Denn irgendetwas in dieser Welt war erwacht.

Und es musste wieder zum Schweigen gebracht werden...


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Nephren-Ka
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Oh, diese verfluchte Laute...

 

Tage waren vergangen, als sich Konrad zurück zog in dir Abgeschiedenheit seiner Hütte, um den Fund aus der Burg zu untersuchen.

Tage, in denen er nicht ruhte.

Nächte, in denen er nicht schlief.

Er drehte sie. Er wendete sie. Untersuchte jede einzelne Maserung des Holzes, fuhr wieder und wieder die rankenartigen Verzierungen mit den Fingern ab.

Doch so sehr er sich auch mühte, Dormus um Hilfe und Einsicht ersuchte - das Geheimnis, das dieses Instrument umgab, wollte sich ihm einfach nicht erschließen. Nur der dunkle Schatten, der unheilvoll über diesem hölzernen Machwerk lag, verbreitete eine selbst ihm unheimliche Aura, die langsam aber sicher Besitz von ihm zu ergreifen schien. 

6 Tage, 7 Nächte und er war ausgezehrt.

Von der Schlaflosigkeit gezeichnet, entschloss er sich schweren Herzens diese Bürde weiter zu geben. 

Im Haus der besonderen Begabungen würde mit gemeinsamen Kräften sicher eher etwas erreicht werden, als er es allein vermochte. 

Und so übergab er den Grund seiner schlaflosen Nächte an Leomar. Auf dass er ihn gut verwahrte, bis er zur weiteren Untersuchung herhalten würde. 

Und ohne diese Last auf den Schultern, begab er sich nun frei zurück in sein Domizil. Um endlich wieder Ruhe zu finden. Zu schlafen. Einen ganzen Tag lang... 



   
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Was tot ist, soll tot bleiben...

 

Ein Brüllen in der Nacht.

Ein Beben.

Dann Nebel...

 

Es sollte ein ruhiger Abend werden. Am Feuer, in geselliger Runde. Bei Wein und guten Gesprächen.

Doch daraus wurde nichts. Dies Eiland, auf dem sie nun schon viele Wochen weilten hielt etwas anderes für sie bereit. 

Der rankenumsponnene Bär war wieder da! Und er schien noch wilder, noch gefährlicher und noch ... toter? zu sein. Niemals hätte er die Wunden, die ihm geschlagen wurden überleben sollen. Und doch stand er da. Vor den Toren der Stadt bäumte er sich bedrohlich auf, suchte nach Vergeltung. Nach weiteren Opfern. Er gierte förmlich danach. 

Die Schlacht war wild, Körper flogen durch die Gassen und Konrad hatte alle Hände voll zu tun, die tapferen Recken, die sich dieser Bedrohung mutig entgegen stellten , am Leben zu halten. 

Nichts schien das Ungetüm aufhalten zu können. 

Konrad flehte. Er rief Dormus an, auf dass er dieser hasserfüllten Kreatur endlich Ruhe und Frieden schenken möchte. 

Doch je mehr er sich hinein steigerte, umso wütender schien das wieder und wieder aufstehende Wesen zu werden. 

Und so war es schließlich Alberich, der von Lanjas Leidenschaft beseelt, mit ihrem Feuer im Herzen und den Händen der Bestie letztlich das Leben aushauchte. In einem seltsam violett-grünen Licht verglühten die Überreste, bis nur mehr ein Haufen Asche übrig blieb. 

Und Konrad musste einsehen, dass es wohl manches Mal besser ist, Wut mit Wut zu bekämpfen. Auch wenn dies nicht sein Weg war. 

Am Tage nach der Schlacht begannen sich Ranken in der Stadt auszubreiten. Auf einer Hütte, die in der Nacht zuvor noch brannte. Sie mussten vernichtet werden! 

Kurzerhand machten sie sich ans Werk und trugen die verkohlten Überreste der einstigen Behausung ab und gaben sie ebenso dem Feuer preis. Damit sich nicht noch ein Unheil in der Stadt ausbreiten konnte. 

Die Ereignisse zehrten an Konrads Kräften. Auch die Sorge um Kat, die von dem Bären am Arm verwundet wurde trugen ihren Teil bei. Er hoffte und betete, dass sie sich nicht mit irgendeiner Krankheit infiziert hatte, die sie am Ende ebenso wild werden ließ, wie den todbringenden Bären. 

Und so zog er sich wieder zurück in seine Zuflucht am Friedhof. In die Ruhe und Stille, die ihm dieser Ort schenkte. Um sich zu kümmern - nicht nur um sich, sondern auch um die, die dort lagen. Diejenigen, deren Zeit bereits vorbei war. 

Und er war dankbar, dass nach diesen turbulenten Tagen niemand dazu kam... 

 

 



   
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Die Gaben der Stille

 

Die Hütte am Friedhof war still.

Nicht die gewöhnliche Stille, wie man sie zwischen zwei Atemzügen findet, sondern eine, die tiefer lag. Eine, die blieb, auch wenn der Wind durch die Ritzen strich oder das Holz leise arbeitete. Konrad hatte sich daran gewöhnt. Mehr noch – er brauchte sie.

In den letzten Tagen hatte sich vieles verändert. Nicht sichtbar für die meisten. Die Siedlung lebte, wuchs, kämpfte… doch unter all dem lag etwas anderes. Eine Unruhe, die nicht laut war, aber beständig.

Konrad entzog sich ihr.

Er zog sich zurück in seine Hütte, setzte sich auf den einfachen Schemel, die Hände ruhig auf den Knien. Kein Gebet, keine Worte. Nur Atmen. Nur Sein.

 

Und dann kam der Schlaf.

 

Zunächst war da Dunkelheit.

Keine bedrohliche, keine kalte – eher eine, die alles umschloss wie ein Mantel. Dann, langsam, formte sich ein Bild.

Die Ebene.

Karg, still, ohne Horizont. Ein Ort, der nicht aus Erde zu bestehen schien, sondern aus etwas anderem. Etwas, das sich dem Namen entzog.

Und dort stand sie wieder. 

Die Gestalt.

Alt, in dunkle Lumpen gehüllt, die sich im Wind bewegten, obwohl keiner zu spüren war. Raben saßen um ihn herum, auf dem Boden, auf unsichtbaren Ästen, auf seinen Schultern. Keiner rief. Keiner bewegte sich hastig.

Alles war… geordnet.

Konrad trat näher.

Er sprach nicht. Er wusste, dass Worte hier keinen Platz hatten.

Die Gestalt hob langsam den Kopf.

Ein Moment verging.

Und dann war es da.

Nicht als Stimme. Nicht als Klang.

Sondern als Wissen.

 

Du hast gesehen.

 

Bilder durchzuckten Konrads Geist.

 

Die zerfetzten Körper von Joschka und Lina.

Seine eigenen Hände, die nähten, banden, ordneten.

Die Erde, die sich über ihnen schloss.

Dann der Bär.

Die Ranken. Das falsche Leben. Das, was nicht hätte sein dürfen.

 

Du hast verstanden.

 

Konrad spürte keinen Stolz. Keine Bestätigung.

Nur eine schwere, ruhige Wahrheit, die sich in ihm festsetzte.

Die Gestalt bewegte sich kaum merklich. Einer der Raben löste sich von seiner Schulter und landete vor Konrad. Sein Kopf neigte sich, als prüfe er ihn.

Dann kam das nächste Gefühl.

Anders als zuvor.

Tiefer.

 

Wache nicht nur.

Handle.

 

Die Welt veränderte sich.

Konrad sah plötzlich andere Szenen.

Nicht Träume. Möglichkeiten.

Seine Hände auf den Schultern eines Verwundeten – und der Atem wurde ruhiger.

Ein Mann, der taumelte – und wieder festen Stand fand, als würde etwas ihn stützen.

Und dann… Dunkelheit, die sich sammelte, nicht wild, nicht unkontrolliert, sondern gezielt – wie ein Gewicht, das auf etwas herabsank, das nicht in diese Welt gehörte.

Kein Feuer. Kein Blitz.

Nur Druck.

Nur Ende.

Nur Erlösung.

 

Konrad wich nicht zurück.

Er nahm es auf.

Nicht wie ein Geschenk.

Sondern wie eine Pflicht.

 

Die Gestalt vor ihm senkte langsam den Kopf.

Die Raben bewegten sich gleichzeitig, kaum hörbar. Ein Flügelschlag, mehr nicht.

 

Was ruht, soll ruhen.

Was die Ruhe stört, soll enden.

 

Dann war alles fort.

Konrad erwachte.

Die Hütte war dunkel. Der Atem ruhig. Die Hände noch immer auf den Knien.

Doch etwas hatte sich verändert.

Nicht sichtbar.

Aber spürbar.

Als hätte sich ein Gewicht in ihm verlagert. Nicht mehr nur Last – sondern auch Kraft.

Er hob langsam die Hände und betrachtete sie.

Es waren dieselben Hände, die Gräber glätteten. Die Körper richteten. Die Erde strichen. Die Pflanzen schnitten. Die tröstend andere hielten.

Doch nun… wussten sie mehr.

Nicht wie man zerstört.

Sondern wie man bewahrt.

Wie man stärkt.

Und wann es notwendig war, etwas endgültig zu beenden.

Draußen ließ sich ein leises Krächzen hören.

Ein Rabe saß auf einem der Grabsteine und blickte zur Hütte.

Konrad erhob sich langsam, griff nach seinem Stab und trat hinaus in die Nacht.

Sein Blick fiel über die Gräber.

Ruhig.

Wachsam.

Unverändert – und doch nicht mehr derselbe.

Er sprach kein Wort.

Doch in ihm war eine Gewissheit gewachsen, die keinen Zweifel mehr kannte:

 

Dormus hatte ihn nicht nur erwählt.

Dormus hatte ihn angenommen. 



   
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Nephren-Ka
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Was geht und was bleibt

 

Konrad und Leomar saßen eine Weile beisammen und überlegten, was noch gebraucht werden würde, um die Siedlung weiter voran zu bringen, um die Burg in Stand zu setzen und Eichenwacht weitestgehend unabhängig zu machen. Schnell wurden sie sich einig, dass es nicht nur an Werkzeugen fehlte. Auch Baustoffe, wie Holz und Stein wurden dringend benötigt. 

Konrad war eigentlich keiner, der die körperliche Anstrengung suchte. Doch nach den Erlebnissen der letzten Tage und Nächte, war es ihm ganz recht, dass er sich körperlich ein wenig betätigen konnte. Und sei es auch "nur" Steine klopfen, um die maroden Burgmauern wieder zu befestigen. 

Kurzerhand wandte er sich an Jarel, denn dieser wusste sicherlich, wo es besonders schöne Steine für eben genau diese Arbeiten gab. 

Und so machte sich Konrad auf den weiten Weg in Richtung Drachenbruch. Denn genau dort sollte ein Steinbruch sein, der nicht nur robuste, sondern auch wunderschön anzusehende Steine beherbergte. 

 

Der Steinbruch lag still, als Konrad ihn erreichte. 

Kein Hämmern, kein Rufen. Nur das gelegentliche Knistern eines Kiesels, der sich seinen Weg herab suchte oder das Krächzen einer Möwe, die sich vom nahen Wasser hier her verirrte.

Staub lag in der Luft und auf den Blöcken, die wohl irgendjemand vor seiner Ankunft hier aus dem Felsmassiv geschlagen haben musste. Konrad trat zwischen die Blöcke, die sich mitunter mannshoch vor ihm auftürmten.

Roh, schwer, unbeweglich standen sie da. Anders als Holz, das arbeitet. Anders als Fleisch, das vergeht. Anders als Blumen, die welken. 

 

Stein blieb. 

 

War es der Zufall, der ihn hier her führte? Eine Wendung des Schicksals, die ihn sagen ließ: "Ja, ich kümmere mich um Steine für die Burg."? Doch in letzter Zeit gab es nur wenig, das sich wie Zufall anfühlte. 

Er lehnte sich ein wenig vor. Strich mit den Fingern über die gebrochene Kante des Steinblocks.

Das Gestein war kühl, fest, unnachgiebig.

Und doch... ließ es sich formen. 

Er setzte sich auf einen der niedrigeren Blöcke und ließ den Blick schweifen.

Vor seinem inneren Auge tauchten Bilder auf.

Die Gräber.
Die Erde, die sich schloss.
Der Sand, der durch seine Finger geronnen war.

Alles fiel.
Alles verging.

 

Konrad schloss die Augen.
Und da war sie wieder: die Gestalt im Nebel. Der in Lumpen gehüllte Greis. 
Still, unverändert, umgeben von Raben. 

Doch diesmal sah Konrad nicht zu ihr. 
Sein Blick fiel auf einen einzelnen Stein, der neben der Gestalt lag.
Schlicht und unbearbeitet lag er da.
Und doch wirkte er.... gesetzt
Als hätte sich jemand entschieden, dass genau dieser Stein an genau diesee Stelle liegen sollte.

Konrad trat näher und berührte den Stein. 
Und in diesem Moment kam die Erkenntnis.
Nicht als Stimme, nicht als Befehl, nicht als fixer Gedanke.
Sondern als unumstößliche Erkenntnis:

Alles vergeht. Aber nicht alles verschwindet.

Die Zeit verrinnt.
Körper zerfallen.
Stimmen verstummen.

Doch der Stein... - der Stein bleibt.

Ein Rabe landete neben ihm und pickte kurz gegen den Stein.

Und Konrad verstand:

Was fällt, wird vergehen. Was bleibt, wird erinnert.

 

Als er die Augen wieder öffnete, stand er noch immer im Steinbruch und seine Hand lag auf dem Felsen vor sich. 
Kein Windhauch war zu spüren. Und der Staub, der vorher noch in der Luft lag, hatte sich gesetzt.
Und so griff er nach einem Werkzeug, das dort lag: einfach, schwer, vertraut. Ohne dass er sagen konnte, warum. 
Er hob es an und ließ es wieder sinken.
Und dann folgte der erste Schlag: nicht kräftig, nicht sicher, eher ruhig und besonnen.

Ein Stückchen Stein löste sich. Es war nicht groß, eher unbedeutend. Und doch formbar und von Bestand.
Konrad betrachtete es eine Weile und legte es dann zur Seite. Nicht achtlos, sondern bewusst.

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"Zeit verrinnt...
Stein bleibt."

sprach er leise zu sich.
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Und er begann zu arbeiten...



   
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Nephren-Ka
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Der Ruf der Knochen

Anstrengend waren die letzten Tage, in denen sich Konrad, getrieben durch seine Visionen, durch den Steinbruch hackte – stetig auf der Suche nach besonders schönen Stücken, die es wert waren geformt zu werden.

Doch eine Pause war dringend von Nöten.

Und so zog er sich wieder zurück hinter die schützenden Mauern Eichenwachts.

Um sich zu erholen, wieder zu Kräften zu kommen. Und letztlich auch, um seine lieb gewonnenen Freunde wieder zu sehen.

Doch irgendetwas war anders an diesem Tag. Ein seltsamer Wind wehte und es war, als läge ein Wispern in der Luft. Unnatürlich kalt erschien ihm der Abend, als er sich mit Leomar und Kat am Feuer bei der Taverne niederließ.

Wie er die beiden doch vermisst hatte! Für Konrad war es schön zu sehen, dass sich hier zwischen all den Fragen, die offen waren, zwischen all den Bedrohungen, die die Idylle zu trüben vermochten, zwei Seelen gefunden hatten, die füreinander bestimmt waren.

"Mein Gefühl trügt nicht...", dachte er sich, als Kat zu erzählen begann, dass in der Nähe des Steinkreises blutige Spuren und seltsam schwarze Knochen aufgetaucht waren.

Kurzerhand machten sie sich auf den Weg, um die seltsamen Hinterlassenschaften näher zu untersuchen.

Kaum am Steinkreis angekommen, hörten sie auch schon Stimmen. Alberich, Fiona und Weiran waren schon vor Ort, um die Vorkommnisse zu untersuchen. Sie berichteten von pechschwarzen Skeletten, die sich irgendwie ihren Weg in Richtung Westen zu bahnen versuchten und die mitunter unvermittelt angriffen.

Ein merkwürdriger Erdhügel türmte sich bei den Steinen auf, der vorher noch nicht dort war.

Hatte sich etwas aus den Tiefen empor gegraben?

Konrad stocherte ein wenig mit seinem Stab im Erdreich herum, klopfte die Umgebung ab.

Doch außer einem kleinen Loch, das viel tiefer zu führen schien, war nichts auffällig.

Konrad kniete nieder und schloss die Augen. Er hoffte, dass ihn eine seiner Visionen ereilte, die vielleicht Aufschluss auf die Geschehnisse geben würde.

Doch Dormus schwieg – für den Moment.

Als er die Augen wieder öffnete, hatten seine Gefährten ein Knochenstück aus dem lockeren Erdreich freigelegt. "Ein Fingerknochen!", dämmerte es ihm, als hätte er in seinem Leben bereits unzählige Gebeine gesehen und untersucht.

Aber etwas Unnatürliches wohnte diesem Knochen inne.

Kaum hatte Konrad den Fund berührt, schoss eine Kälte durch seine Fingerkuppen und anschließend durch seinen ganzen Körper, die wie tausend Nadelstiche sämtliche Zellen durchdrang. Nach und nach schwanden seine Kräfte und je länger er diesen Knochen in den Händen hielt, umso leerer fühlte er sich. Beinahe, als würde dieser sämtliches Leben aus ihm heraus saugen.

Doch sein Mut, seine Beharrlichkeit, seine Ausdauer sollten sich bezahlt machen: Nach und nach schwand die unheilvolle Energie, die diesem knöchernen Überrest vergangener Tage inne wohnte.

Doch zu welchem Preis?

Zumindest wussten sie, in welche Richtung sie ihr Weg führen würde, denn als er ihn in seinen Händen hielt, schien es als würde er von einer fremden Macht stetig gen Westen gezogen werden.

Dem Ruf der Knochen folgend, erreichte die Gruppe schließlich einen Höhlenkomplex. Aufgefallen war er Konrad schon zuvor, doch schenkte er ihm keine Beachtung weiter. Bis zu diesem Abend.

Beim Erkunden fanden sich Schriften. Schriften, die besagten, dass wohl vor ihnen schon Menschen hier waren. So war von der Runenschrift die Rede. Jene, die Konrad schon seit seiner Ankuft hier faszinierte, die sich an vielen Orten fand und deren Bedeutung ihm bisher völlig verborgen blieb.

Sollte seine Suche hier ein Ende finden?

Unzählige rastlose Tote stellten sich ihnen in den Weg. Aber mitten unter ihnen fanden sich auch Menschen. Sollten diese etwa die Armee aus Knochen befehligen? Sie lenken und steuern? Ähnlich hatte er es in einer seiner Visionen gesehen.

Nach schier endlosen Kämpfen, Untersuchungen und Nachforschungen standen sie in einer Sackgasse. Unmengen an Geröll versperrten den Weg und an ein Weiterkommen war nicht zu denken.

Erschöpft, aber in dem Wissen, dass sie die Bedrohung zumindest ein Stück weit eindämmen konnten, machten sich die tapferen Recken wieder auf den Rückweg.

Doch eine Pause, um wieder zu Kräften zu kommen, war ihnen nicht vergönnt.

Ein Kratzen, ein Klappern von Knochen drang an ihre Ohren, als sie gerade ein wenig durchatmen wollten. Augenscheinlich hatten sie etwas übersehen.

Dem Geräusch folgend erreichten sie schließlich eine weitere Höhle.

Rauch lag in der Luft und ein Duft,der nichts Gutes zu verheißen schien, umspielte ihre Nasen.

Sie mussten nicht sonderlich tief in die Höhle vordringen, um die Quelle ausfindig zu machen:

In einer großen, von Steinsäulen eingefassten Halle erwartete sie eine weitere dieser unheiligen Kreaturen. Vollständig in Flammen gehüllt versengte sie jedes Fleckchen Boden, das sie betrat.

Und es setzte sich in Bewegung. Zielstrebig steuerte das lodernde Skelett auf die verbliebenen Abenteurer zu und steckte dabei alles in Brand, das ihm im Weg stand.

Waffen schienden ihm dabei nichts anhaben zu können: Pfeile verglühten und an eine Konfrontation im Nahkampf war auch nicht zu denken.

Konrad schloss trotz der vermeintlich sicher den Tod bringenden Situaion die Augen und breitete seine Arme aus, als wolle er die herannahende Kreatur in eben diese schließen – sie zu empfangen.

"Dormus, Herr der Stille, Wächter zwischen den Welten...", flehte er seinen Schutzpatron an ehe er sich direkt an das Wesen wandte:

"In Dormus' Namen gebiete ich dir: Lass ab von uns. Finde deinen Frieden... Finde deinen Frieden..."

Von den Anstrengungen des Tages gezeichnet schwand die Kraft in seiner Stimme und wie einem liebenden Vater gleich stand er da – bereit, das Wesen zu empfangen.

Und ohne jegliche Stabilität stürzten die brennenden Knochen, einem Liebenden gleich, in seine Arme und verging.

 

Dormus hatte durch ihn gesprochen, als sein treuer Diener hatte er gewirkt.
Der Rauch in der Halle wurde stärker und kaum dass sie noch atmen konnten, entschwand der Trupp wieder in Richtung Ausgang:

Wissend, dass sie die Quelle der Bedrohung zwar nicht gefunden hatten, aber sie der Wurzel des Übels ein ganzes Stück näher gekommen waren.


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Nephren-Ka
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Der ewige Schlaf?

 

Tage waren nach den letzten, kräftezehrenden Erlebnissen vergangen. Tage, in denen er sich anders fühlte. Tage, in denen er nur noch ein Schemen seiner selbst war - emotionslos, freudlos, von einer Schwere und Kälte erfüllt, die ihn langsam aber stetig in die Knie zwang.

Tage in denen Konrad in stillem Gebet in der Abgeschiedenheit seiner Hütte verbrachte. Tage in denen er sich hoffnungsvoll an Dormus wandte, auf dass er ihm wieder Kraft schenken mochte. 

Er liebte die Stille, die Zeit der Besinnung. Doch dieses Mal war alles anders.

Diese Untoten, dieser verfluchte Knochen...

Sie hatten ihre Spuren hinterlassen und Konrad spürte, wie ihn jeden Tag mehr die Lebensgeister verließen. Er aß nicht mehr. Und nachdem er in der ersten Zeit nach den Vorfällen noch einen Durst verspürte und trank, wie noch nie in seinem Leben zuvor, stellte sich auch dieses Gefühl nach und nach ein. 

Sichtlich ausgezehrt setzte er sich auf, griff zu Tinte und Feder, um noch einige Zeilen zu verfassen. 

Mit letzter Kraft steckte er dann das Pergament dem Raben in den Schnabel. Jenem, der seit seinem neuerlichen Rückzug still auf seinem Fensterbrett, scheinbar über ihn wachend, ausharrte. 

"Flieg, mein gefiederter Freund. Finde Alberich...", hauchte er ihm mit letzter Kraft zu.

"Dormus... Wenn dies der Weg ist, den du für mich vorgesehen hast, dann bin ich bereit ihn zu gehen... ", dachte er sich, ehe er wieder in sein Bett nieder sank und einen tiefen Schlaf antrat. 

Seinen letzten? 


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Zu Gast bei den Toten

 

Konrad wusste nicht mehr, wie viele Tage er nun schon so lag. Er wusste nicht, wann der Schmerz nachgelassen hatte. Hatte er überhaupt nachgelassen?

Er fühlte sich, als hätte ihn jemand beiseite gelegt. Bereit, abgeholt zu werden. Und es war, als hätte alles, was ihn hier noch hielt an Bedeutung verloren. 

Wachte er? Schlief er? Konrad vermochte es nicht zu sagen. Was er jedoch sicher wusste: Noch war er. Aber was? Und wo? 

Er sah sich um. An einem Ort, der ihm merkwürdig vertraut erschien und den er dennoch vorher noch nicht sah. Es war kein Friedhof, keine Gruft. Doch er wusste: Dies war ein Ort der Toten. 

Die Welt, in der er sich wiederfand, war ruhig. Still. Und trotzdem nicht leer. Sie war frei von allem, was drängte. Er verspürte weder Hunger, noch Durst. Da war kein Schmerz, kein Leid. Und weder Müdigkeit, noch Sorgen plagten ihn. 

Konrad hob seine Hand. Sie war noch da. Er betrachtete sie eine Weile und sah an sich herab. 

 

Und dann drang eine Stimme in seinen Kopf. Nicht hörbar, aber trotzdem da. 

"Du spürst es..."

 

Konrad drehte sich nicht um. Er wusste: Dormus.

Neben ihm stand sie dann - die Gestalt. Alt. In dunkle Lumpen gehüllt. Mit einem Raben auf der Schulter. 

"Wo sind alle?", fragte Konrad. 

"Hier.", antwortete die Stimme in seinem Kopf.

Er sah sich um und da erst erkannte er es. Die anderen. Sie waren da. Nicht als Körper, nicht als Geister. Einfach da. Er spürte die Anwesenheit der Verblichenen. 

"Leiden sie?", fragte er. 

"Nein."

Die Antwort kam plötzlich, ohne Zögern. Als wäre sie eine unumstößliche Wahrheit. 

"Erinnern sie sich?"

Diesmal dauerte es einen Moment. 

"Nicht, wie du es tust."

Konrad schwieg. Er verstand nicht ganz. Aber er widersprach auch nicht. 

Gemeinsam gingen sie weiter. 

"Was bleibt?"

"Das, was gehen durfte."

Konrad sah wieder auf seine Hände. Er dachte an die Toten, die er begraben hatte. An das was er erlebt hatte, seit er auf dieser fremden Welt erwachte. Er dachte an das Blut, den Schmerz , die Angst. All das war hier nicht. 

"Und was ist mit dem, was nicht gehen will oder kann?", fragte er leise. 

Da veränderte sich etwas, deutlich spürbar, aber nicht sichtbar. Zwar blieb die Ruhe, doch wog sie nun schwerer. 

"Das gehört nicht hier her..."

Und zum ersten Mal, lag etwas wie Gewicht in Dormus' Worten.

Konrad hob den Blick und ein kurzer Moment verging, ehe er verstehend nickte. 

Er sah sich noch einmal um in dieser Welt, die weder Schmerz noch Leid kannte. Für einen Augenblick kam ihm der Gedanke: "Wie schön es wäre einfach hier zu bleiben." Er hatte den Gedanken noch nicht richtig beendet, als die Stimme wieder an sein Ohr drang: 

"Noch nicht..."

Konrad schloss die Augen und atmete tief durch. Und da war es wieder: das Gefühl von Schwere, Kälte und Leere, das seinen Körper durchflutete. Die Ruhe blieb, wenngleich sie sich auch entfernte. 

Irgendwo zwischen den Welten verweilte Konrad noch einen Augenblick. 

Dann war er wieder auf dem Weg zurück. 

Und die Stimme? Sie schwieg. 



   
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