Es ist kaum zu beschreiben was ich empfinde, die Leere die mein Innerstes ausfüllt, während zugleich die Wogen der Eindrücke in mir widerhallen. Ich gehe immer wieder gegen eine Wand aus Schatten, und jedes Mal zerschellt etwas in mir, fällt zurück in sich selbst. Meine Erinnerungen stehen dahinter, unerreichbar, wie Stimmen unter Wasser. Doch das Erstaunliche ist, ich bin nicht allein, da sind auch andere Menschen die mein Schicksal teilen und niemand weiß wie uns geschieht. Allein was zählt ist das blanke Überleben, jeder klammert sich an den neuen Tag, es ist zu spüren, wie einige die Tatsache des Ungewissen ausblenden als wäre es nie geschehen. Wo ist deren Angst?Warum sorgen sie sich nicht und zermartern sich ihr Hirn so wie ich es tue?
Ich brauche Antworten, werde ich sie je erhalten?
Es sind nun erst einige Tage vergangen seit ich an diesem Strand mein Bewusstsein erlangte. Eine fremde Welt, Gerüche, die ich zuvor noch nie wahrgenommen zu haben scheine. Ich selbst bin mir fremd, in Leder gekleidet, einen kleinen Bogen im Gepäck, rot schimmerndes langes Haar, wer bin ich? Einzig hallt ein kurzer Name in mir wider - Kat. Wurde ich so genannt? Meinem Überlebensinstinkt folgend wanderte ich durch einen wilden düsteren Wald, versteckte mich vor wilden Tieren die meinen Weg kreuzten, ernährte mich von Beeren und fand nach einigen Tagen der Wanderung eine Straße die mich zu einer Siedlung lenkte.
Dort traf ich auch die Anderen, solche deren Schicksal dem meinen glich. Sie nahmen mich mit einer Selbstverständigkeit auf die mich überraschte, boten mir Speis und Trank und einen Ort zum Übernachten an, ganz ohne Gegenleistung.
Eulenruh.
Ich werde mich erkenntlich zeigen, helfen wo ich kann, denn hier bin ich vorerst nicht allein, auch wenn die innere Stille mich aufzufressen droht.

Heute Abend nahm ich an der Versammlung der Eulenwachter Siedler teil. Wir überlegten was dieser Ort am Nötigsten brauchte, welche Arbeiten erledigt werden mussten und wer was übernehmen wolle. Konrad bot sich an das Heilerhaus zu betreuen und sogleich bot ich mich an ihm dabei zur Seite zu stehen. Das Richtpodest sollte weg, Blut wollten wir entfernen und die Siedlung von Müll befreien. Ich brauchte einen Sinn in diesem neuen Leben, eine Aufgabe die mich von dem stetigen Grübeln abhielt.

Der heutige Tag stand ganz im Zeichen bleierner Müdigkeit. Noch immer spürte ich die Nachwirkungen der vergangenen Nacht, in der wir den Friedhof und Konrads Hütte bewacht hatten. Eine dunkle Gestalt hatte den armen Konrad überfallen, doch Leomar und ich waren wie durch eine glückliche Fügung zur Stelle. Kaum das wir uns näherten und Konrads Namen riefen, ergriff der Fremde die Flucht und verschwand in der Finsternis. Wir folgten seinen Fußspuren am Strand, doch dann lösten sie sich auf, als wäre er fortgeflogen.
So hielten wir Wache, während Cahir und Konrad hinauf ins Dorf gingen um den Handwerker aus Eulenrast zu untersuchen. Man fürchtete, dass jener die Schimmelseuche mit sich geführt haben könnte.
Leomar lieh mir seinen warmen Umhang und wir starrten in die dunkle Nacht hinein. Trotz der verängstigenden Umstände fühlte ich keine Furcht in seiner Nähe, es war gut ihn bei mir zu wissen. Irgendwann müssen mir die Augen zugefallen sein, denn ich erwachte in den Wolfsumhang gehüllt, warm und zufrieden, wenn auch mit steifem Genick.
Der neue Tag brach an und ich beschäftigte mich damit, indem ich Eichenwacht von dem überall herumliegenden Müll befreite. Danach verbrachte ich Stunden im Badehaus, das warme Wasser genießend und mich einfach treiben lassend.
In den letzten Tagen war unsere Gemeinschaft gewachsen, als wären wir eine Familie die aufeinander acht gibt. Dieses Gefühl bewirkte in mir, dass ich Freude empfand, aber auch Sorge, all jenes wieder zu verlieren. Gab es eine Beständigkeit in dieser Welt? Würden wir Morgen noch hier sein, oder gar wieder in einer neuen fremden Welt erwachen? Ich versuche diese Gedanken von mir zu schieben, denn sie brachten nichts als Stagnation und Angst.
Das Leben war jetzt und hier.

Die Tage in und um Eichenwacht reihten sich aneinander wie die Perlen einer kostbaren Kette. Wir wußten, dass wir einander vertrauen konnten, wir teilten, wir halfen und wir wogen einander in der friedvollen Sicherheit die nur Freunde einander geben können.
Cahir, Konrad, Hadrian, Elijah, Shandra, Alberich, die Eule waren zur Familie geworden. Leomar hingegen war mehr als das. Er war mein Vertrauter, mein Liebster, mein Herz, das Wunderbarste was ich nie zu hoffen gewagte hatte, war in mein Leben getreten. Wir nannten es "Fügung" und genossen unsere Zeit, das langsame Näherkommen, die Blicke, das Verlangen beieinander zu sein.
Das Leben konnte grad nicht schöner sein als es geschah:
Ein Bär, so groß wie ein Bär nicht sein konnte pflügte durch Eichenwacht, zielstrebig Joshka den Händler tötend, als sei dies seine Aufgabe, sein Streben gewesen. Stachelige Ranken umschlangen seinen gewaltigen Körper, und schnitten sich in sein Fleisch. Ein grauenvoller Anblick! Die Siedlung war in Aufruhr. Leomar und Cahir stürzten sich auf die Bestie, bestrebt die Händlerin Lina zu schützen welche panisch in der Ecke kauerte, während Joshka zerrissen wurde.
Meine Pfeile schienen ihn nicht allzu sehr zu stören, die Schwerter der beiden Krieger ebenso wenig. Leomar wurde wie eine Schachfigur durch die Luft geschleudert, Cahir rissen die abartig scharfen Krallen die linke Körperseite auf. Blut, Schreie... ich war wie von Sinnen, rannte zu Leomar, zerrte ihn mit aller Kraft aus der Gefahrenzone, er lebte! Sprintete hinüber zu Cahir, musste jedoch feststellen, dass sich bereits Alberich und Hadrian seiner angenommen hatten.
Zu unserem Glück war die Kunde von dem menschenfressenden Bären bis nach Eulenrast gelangt, man kam uns zu Hilfe und gemeinsam wurde die Bestie bekämpft und getötet. Doch die Erleichterung hielt nur kurz vor, das Biest regte sich wieder, erwachte vom Tode und rannte unter lautem Gebrüll aus dem Stadttor.
Cahir versuchte ihm zu folgen, herauszufinden wohin sich dieses Monstrum verkriechen würde, doch brach er auf dem Weg zusammen, seine Wunde war zu tief und bedrohlich.
Wir brachten Leomar und Cahir ins Haus und legten sie in die Betten. Alberich und seinen wundersamen Heilkräfte ist es zu verdanken, dass die beiden überlebten.
Mein Herz raste, meine Hände zitterten, es war schwer einen klaren Gedanken zu fassen, einzig vermochte ich nur neben den beiden Waffenbrüdern wachen und hoffen, dass sie gesunden würden.
Alberichs Heilkraft und die scheinbar unverwüstliche Zähheit von Cahir und Leomar bescherte uns einen Neubeginn.
Deutlich sahen wir unsere Zukunft vor Augen, den Wunsch diese Siedlung zu schützen als wäre sie ein Teil unserer selbst.
Erste Schritte wurden getan, Pläne geschmiedet.
Kein Bär, kein Untoter, kein Fluch würde sich uns in den Weg stellen können.
Wir sind die Eichenwächter.

Morgens ging die Sonne auf und abends unter, der Mond stand am Himmel, die Sterne leuchteten, doch war jeder Augenblick gezeichnet von einer unvergleichlichen Tiefe, einem Segen der über uns lag. Wir konnten kaum fassen was mit uns geschah, und gleichzeitig war es unser Universum. Ängste und Nöte schienen nicht mehr unüberwindbar, wir waren in Sicherheit solange wir nur einander hatten.
Ich war glücklich, auch wenn die Sorge um den geliebten Menschen keine Minute ruhte.
Wir folgten der Fügung die es in dieser Welt gut mit uns meinte.

Neben der Jagd, die mir einen gesunden Ausgleich schenkte, wandte ich mich immer mehr dem Holz und seinen Eigenschaften zu. Seit ich diese Welt betreten hatte, liebte ich den Geruch von frisch geschlagenem Holz, fand Ruhe und Frieden in der Bearbeitung dessen und erhielt Bestätigung wenn mir ein Werkstück besonders gut gelungen war. Besondere Freude bereitete mir die Versorgung unserer Siedler, zu helfen und zu unterstützen sowie etwas benötigt wurde, vermittelt mir ein Gefühl vom gebraucht werden. Eichenwacht entwickelte sich immer mehr zur Heimat, ein Ort den ich schützen und pflegen möchte. Mein Zuhause.
In letzter Zeit zog es mich in den Wald, der Frühling war da, erste Blümchen zeigten sich und die Natur erwachte. Während Leomar in den Tiefen des Bergwerks Erze schürfte und die Siedlung mit Nägeln und Phiolen versorgte, überkam mich fast ein schlechtes Gewissen, da ich den Vorzug der herrlich frischen Luft und den wundervollen Waldgerüchen hatte.
Doch die Holzarbeit war auch anstrengend und nach einer geraumen Zeit zog ich meinen Beutel mit Nahrung vom Sattel, suchte mir eine gequeme Ecke im Moos und verspeiste die mitgebrachten Leckerbissen die Hadrian für uns zubereitete.
Ich sah zu den Bäumen hinauf, verfolgte die waghalsig, gar freudig erscheinenden Sprünge eines Eichhörnchens, döste mit einer Kirsche in der Hand ein und gab mich meinen Träumen hin.

