Instinkt wird zur Wucht
Der Fackelschein flackerte unruhig über die steinigen Wände, als Fiona sich tiefer in die Gänge unter der Mine schob. Es roch nach Schweiß, billigem Ale und dem beißenden Rauch schlecht unterhaltener Kochfeuer. Das Räubernest.
Sie hatte sich zwei Stunden lang durch den oberen Bereich des Höhlenkonstrukts gearbeitet, vorbei an Wegelagerern und halbbetrunkenen Briganden, die kaum merkten, dass ihnen die Geldbeutel fehlten, bevor Fiona längst um die nächste Ecke verschwunden war. Routine, eigentlich. Ihr Rapier hatte dabei selten mehr tun müssen, als im richtigen Moment aufzublitzen, um einem Übermütigen klarzumachen, dass er sich eine leichtere Beute suchen sollte.
Aber hier unten, in den tieferen Gewölben, war es anders.
Der Brigand, der ihr jetzt den Weg versperrte, war kein gewöhnlicher Strauchdieb. Breit wie ein Scheunentor stand er im Durchgang, eine blutbefleckte Keule locker in der Pranke. Er hatte sie kommen sehen. Kein Überraschungsangriff diesmal.
„Na, Kleine", grinste er und entblößte eine lückenhafte Zahnreihe. „Verirrt?"
Fiona ließ die Klinge kreisen, eine knappe, beiläufige Geste. „Ich bin nie verirrt. Aber du stehst im Weg."
Er lachte, und dann kam die Keule. Schneller, als sie es ihm zugetraut hätte. Fiona wich zur Seite, spürte den Luftzug an der Wange, parierte den Rückschwung mit der flachen Klinge und tänzelte zurück. Der Stoß, den sie setzte, war sauber, aber der Kerl war zäh. Er brummte nur, machte einen Schritt zurück und kam sofort wieder.
Und wieder. Und wieder.
Das Problem war nicht seine Stärke. Das Problem war, dass er ihr keine Luft ließ. Jedes Mal, wenn Fiona zum Gegenangriff ansetzte, brauchte sie den Bruchteil eines Augenblicks, um das Gleichgewicht zu verlagern, den Arm zurückzuziehen, die Klinge neu auszurichten. Und jedes Mal nutzte er genau diesen Bruchteil, um nachzusetzen. Ihre Technik war makellos, aber vorhersehbar. Ein Hieb, dann Neuaufstellung. Ein Hieb, dann Neuaufstellung. Sie focht nach Lehrbuch, und dieses Lehrbuch hatte eine Lücke.
Der nächste Keulenhieb zwang sie in eine Nische. Stein im Rücken, links Mauer, rechts Mauer. Schlecht.
Der Brigand holte aus, und in diesem Moment geschah etwas.
Es war kein Gedanke. Gedanken waren zu langsam. Es war etwas, das in ihren Muskeln passierte, in dem Gedächtnis, das der Körper besitzt, wenn der Kopf nicht mehr hinterherkommt. Ihr Handgelenk drehte sich, der Rapier schnellte vor, nicht aus der üblichen Haltung heraus, nicht mit dem üblichen Rückzug davor, sondern einfach direkt, unmittelbar, als hätte jemand die Pause zwischen Gedanke und Tat herausgeschnitten.
Die Spitze traf den Briganden unterhalb der Schulter, und das war nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war die Wucht dahinter. Nicht die rohe Kraft, die hatte Fiona nie besessen und würde sie nie besitzen. Es war die Geschwindigkeit selbst, die zur Wucht wurde. Der Stoß schleuderte den schweren Mann zwei Schritte zurück, aus dem Gleichgewicht, die Keule absurd weit vom Körper weg.
Fiona stand einen Herzschlag lang still. Dann bewegte sie sich.
Drei Sekunden später lag der Brigand am Boden, und Fiona lehnte an der gegenüberliegenden Wand, den Rapier noch in der Hand, und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war.
Sie hob die Klinge. Drehte das Handgelenk. Versuchte, die Bewegung zu wiederholen, diesmal bewusst. Der Stoß ging ins Leere, aber sie spürte es, das Prinzip dahinter. Kein Ausholen. Kein Zurückziehen. Die Klinge war schon da, bevor der Gegner reagieren konnte, und die gesamte Energie des Körpers floss in einen einzigen Punkt. Kein Anlauf, keine Vorbereitung, keine Abklingzeit zwischen Entschluss und Wirkung.
Schneller Hieb.
Der Name kam von allein, schlicht und passend. Keine blumige Fechtmeister-Bezeichnung, kein hochtrabender Kampfschulname. Einfach das, was es war.
Fiona lächelte, schob den Rapier zurück und schwand tiefer in die Gänge.
Es gab noch mehr Briganden. Und sie hatte etwas Neues zu üben.
Der Schlüssel zu Nichts
Der Brigand war groß gewesen. Größer als der letzte, breiter als die beiden davor zusammen. Jetzt lag er am Boden, das Gesicht im Dreck, und rührte sich nicht mehr.
Fiona atmete schwer. Ihr Rapier zitterte leicht in ihrer Hand, nicht vor Angst, sondern vor Erschöpfung. Wie viele waren es gewesen? Sie hatte aufgehört zu zählen, irgendwo zwischen dem fünften Briganden und dem achten Wegelagerer. Die Höhlen hatten kein Ende genommen, jeder Gang hatte neue Gegner ausgespuckt, und jeder Gegner hatte ihr ein Stück mehr abverlangt.
Sie blickte an sich herunter. Die Verbände an ihrem linken Unterarm, erst heute Morgen frisch angelegt, waren dunkelrot durchtränkt. Einer ihrer Stiefel klaffte vorne auf, die Sohle hing nur noch an einem Fetzen Leder. Und ihr Rapier ... sie hob die Klinge ins flackernde Fackellicht und verzog das Gesicht. Scharten, überall Scharten. Die Waffe würde einen Schmied brauchen, vielleicht sogar einen guten.
Aber das alles würde sich lohnen. Musste sich lohnen.
Denn der große Brigand, der Anführer dieses verfluchten Rattennests, hatte etwas in seiner Tasche gehabt. Fiona kniete sich neben den reglosen Körper, wühlte durch den dreckigen Stoff und zog ihn heraus.
Ein Schlüssel.
Schwer, eisern, alt. Das Metall war kalt in ihrer Hand, und Fiona spürte, wie sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Ihre Augen wanderten zur Ecke der Höhle, dorthin, wo sie die Truhe schon beim Betreten bemerkt hatte. Massiv, aus dunklem Holz, mit Eisenbeschlägen verstärkt. Eine Anführertruhe. Eine Schatztruhe.
Sie stand auf, ignorierte das Ziehen in ihren Muskeln, und ging hinüber. Gold, dachte sie. Bestimmt Gold. Vielleicht eine gute Waffe, ein Schwert, ein Dolch mit Verzauberung. Oder eine Karte, eine von diesen vergilbten, vielversprechenden Schatzkarten, die zu noch größeren Reichtümern führten.
Fiona kniete vor der Truhe, führte den Schlüssel zum Schloss und steckte ihn hinein.
Er ging nicht.
Sie runzelte die Stirn, drehte den Schlüssel, drückte fester.
Er passte nicht.
Fiona starrte auf das Schloss. Dann auf den Schlüssel. Dann wieder auf das Schloss. Sie versuchte es erneut, rüttelte, zerrte, fluchte leise.
Der Schlüssel. Passte. Nicht.
Einen langen Moment kniete sie reglos vor der Truhe, den nutzlosen Schlüssel in der Hand. Dann stand sie auf, holte aus und schleuderte das verdammte Stück Eisen mit aller Kraft gegen die Höhlenwand. Es prallte ab mit einem hellen Klirren und verschwand irgendwo im Dunkel zwischen den Felsen.
„Beim schwarzen Schlund des Dämonentempels!", brüllte Fiona in die leere Höhle. Ihre Stimme hallte von den Wänden wider, verhöhnte sie mit ihrem eigenen Echo.
Sie wirbelte herum und marschierte zurück zu dem toten Briganden. Wütend durchsuchte sie seine Taschen noch einmal, gründlicher diesmal, rücksichtsloser. Heraus kamen drei ranzige Streifen Speck, eingewickelt in ein Stück öliges Tuch. Ein verbogener Löffel. Eine Zwiebel. Und eine einzelne, abgegriffene Tarotkarte.
Fiona lachte, aber es war kein fröhliches Lachen. Es war das Lachen von jemandem, der kurz davor stand, etwas anzuzünden.
Sie ging zum nächsten Leichnam. Durchsuchte ihn. Mehr Speck. Ein halbes Stück Käse, das so alt war, dass es fast schon wieder gefährlich wirkte. Keine Waffen außer rostigen Äxten und stumpfen Messern, die nicht einmal als Brieföffner getaugt hätten.
Sie trat gegen einen umgestürzten Schemel.
„Dreiundzwanzig Briganden!", schrie sie. „Dreiundzwanzig! Und nicht einer von euch elenden Halunken hatte auch nur einen einzigen Goldmünze? Keine Karte? Kein Amulett? Nicht mal ein anständiges Schwert?"
Die toten Briganden antworteten nicht. Das war vermutlich besser so.
Fiona schleppte sich zum Ausgang der Höhle. Jeder Schritt tat weh. Ihr kaputter Stiefel schleifte über den Steinboden, ihre Verbände tropften, und ihr armes, geschundenes Rapier hing schwer an ihrer Seite wie ein müder Freund, der nicht mehr konnte.
Am Höhleneingang blieb sie stehen. Das Tageslicht blendete sie nach den Stunden in der Dunkelheit. Irgendwo in der Ferne zwitscherte ein Vogel, unverschämt fröhlich.
„Speck", murmelte Fiona bitter. „Ranziger Speck."
Dann humpelte sie los, hinaus in den Wald, zurück Richtung Eulenrast. Sie brauchte einen Heiler. Einen Schmied. Einen Schuhmacher. Und vermutlich auch einen sehr, sehr starken Drink.
Dornen und Dummheit
Die Tür zum Tavernenzimmer fiel ins Schloss. Kein Knall, kaum ein Geräusch. Fiona hatte gelernt, Türen leise zu schließen.
Sie lehnte sich einen Moment dagegen, die Augen geschlossen, und lauschte. Unter ihr, gedämpft durch die Holzdielen, das übliche Gemurmel der späten Zecher. Gelächter. Das Klirren von Krügen. Die Welt ging weiter, als wäre nichts geschehen.
Fiona öffnete die Augen.
Das Zimmer war klein, spärlich möbliert. Ein Bett, ein Schemel, eine Waschschüssel auf einem wackeligen Tisch, daneben ein fleckiger Spiegel. Eine einzelne Kerze brannte auf dem Fensterbrett, fast heruntergebrannt. Sie hatte vergessen, sie zu löschen, bevor sie heute Morgen aufgebrochen war.
Heute Morgen. Es fühlte sich an wie ein anderes Leben.
Sie schob sich von der Tür ab und begann, sich aus ihrer Rüstung zu schälen. Die Finger zitterten leicht, als sie die Schnallen an der Seite löste. Das Leder war steif vor getrocknetem Blut, rissig dort, wo die Dornen sich hineingebohrt hatten. Ein Ärmel war fast abgerissen. Sie zerrte daran, bis er nachgab, und ließ das ruinierte Stück zu Boden fallen.
Dumm.
Das Wort kam von allein, kalt und klar, während sie die Armschienen abstreifte.
So unendlich dumm.
Die Brustrüstung folgte. Fiona verzog das Gesicht, als sie sich aus dem steifen Leder wand. Jede Bewegung sandte Wellen von Schmerz durch ihren Oberkörper, dort, wo die Pranke sie getroffen hatte. Sie wagte nicht, hinzusehen. Noch nicht.
Stattdessen trat sie zur Waschschüssel und blickte in den Spiegel.
Das Gesicht, das ihr entgegenstarrte, war kaum wiederzuerkennen. Blut klebte in ihren Haaren, an ihrer Stirn, über der gesamten linken Wange. Ein Riss zog sich von der Schläfe bis fast zum Ohr, nicht tief, aber lang. Ihr rechtes Auge war fast zugeschwollen, die Haut darum herum bereits dunkel verfärbt.
Der Bär.
Sie tauchte einen Lappen ins Wasser und begann, das Blut abzuwischen. Das Wasser färbte sich rot, sofort, als hätte sie eine Wunde hineingetaucht.
Riesig war er gewesen. Dornenranken, die um ihn gewickelt waren wie eine knocherne Rüstung. Und du, du grenzenlose Närrin, du musstest natürlich vorpreschen.
Der Lappen fuhr über ihre Wange, und Fiona biss die Zähne zusammen. Der Schnitt brannte, als hätte jemand Salz hineingestreut.
Die anderen haben gekämpft. Tapfer, dumm, verzweifelt. Du hättest dich raushalten sollen. Du hast dich rausgehalten. Und dann, dann hast du eine Öffnung gesehen.
Sie lachte leise. Es klang hohl.
Eine Öffnung. Die Beine. Immobilisieren, dachtest du. Clever, dachtest du.
Das Wasser in der Schüssel war jetzt dunkelrot. Fiona griff nach dem Krug auf dem Tisch, goss frisches nach, tauchte den Lappen erneut ein.
Und dann kam die Pranke.
Sie erinnerte sich nicht an den Aufprall. Nur an das Fliegen davor, diesen seltsam zeitlosen Moment, in dem ihr Körper nicht mehr ihr gehörte, in dem die Welt sich um sie drehte und sie wusste, mit absoluter Gewissheit, dass sie sterben würde.
Die Steinwand hatte anders entschieden. Gnädig, auf ihre Art. Oder vielleicht auch nicht.
Fiona streifte ihr Hemd ab und betrachtete ihren Oberkörper im Spiegel. Blaue Flecken, überall. Tiefes Violett an der linken Seite, dort, wo die Rippen waren. Sie tastete vorsichtig danach und zuckte zusammen. Gebrochen? Vielleicht. Wahrscheinlich.
Du hättest tot sein können.
Sie holte Verbandszeug aus ihrer Tasche. Nicht viel. Sie würde morgen mehr besorgen müssen, falls sie sich morgen bewegen konnte.
Und wofür? Für diese Stadt? Für diese Menschen?
Der erste Verband ging um ihre Rippen. Fest, zu fest, aber der Schmerz half. Er machte den Kopf klarer.
Du kennst sie nicht. Sie kennen dich nicht. Du warst ein Körper im Getümmel, ein Werkzeug, das sich zwischen sie und das Monster geworfen hat. Und als du gegen die Wand geschleudert wurdest, haben sie weitergemacht. Mussten sie. Der Bär war wichtiger.
Fiona band den Verband ab, begann mit dem nächsten. Ihre Finger arbeiteten mechanisch, während ihre Gedanken weiterfraßen.
Du hast dir geschworen, nur für dich selbst da zu sein. Du hast es dir geschworen, nach allem, was passiert ist. Keine Bindungen. Keine Verpflichtungen. Keine Heldentaten für Fremde. Überleben, das war der Plan. Überleben und irgendwann vielleicht etwas finden, das sich lohnt.
Sie wickelte den letzten Verband um ihre Hand, dort, wo ein Dorn sich tief ins Fleisch gebohrt hatte. Die Wunde pochte dumpf.
Und heute hast du fast alles weggeworfen. Für einen Moment. Für einen dummen, sinnlosen Moment, in dem du geglaubt hast, dass es einen Unterschied machen würde.
Fiona trat zurück vom Spiegel. Sie sah aus wie ein Gespenst, blass unter den Blutergüssen, bandagiert und zerschlagen.
Der einzige Mensch, dem du vertrauen kannst, bist du selbst. Das hast du gewusst. Das weißt du immer noch. Andere sind eine Gefahr. Immer. Selbst wenn sie es nicht wollen.
Sie löschte die Kerze und tastete sich zum Bett. Die Matratze war dünn, die Decke kratzig, aber als sie sich hinlegte, fühlte es sich an wie das Weichste, was sie je berührt hatte.
Im Dunkeln starrte sie an die Decke, die sie nicht sehen konnte.
Der Schmerz pulsierte durch ihren Körper, gleichmäßig wie ein zweiter Herzschlag. Morgen würde alles noch schlimmer sein. Das wusste sie. Die blauen Flecken würden dunkler werden, die Schnitte anfangen zu jucken, jede Bewegung zur Qual werden.
Aber sie würde aufstehen. Das tat sie immer.
Nur für dich selbst, flüsterte die Stimme in ihrem Kopf. Nur für dich. So wie es immer hätte sein sollen.
Fiona schloss die Augen.
Ob sie es diesmal glauben würde, wusste sie nicht.
Zähne zeigen
Der Katzbalger glitt aus der Spinne wie aus Butter.
Fiona trat einen Schritt zurück und beobachtete, wie das Wesen zusammensackte, die acht Beine zuckend, das Fauchen ersterbend zu einem leisen, fast kläglichen Rasseln. Dann Stille.
Sie wischte die Klinge an einem Fetzen Spinnwebe ab, der von der Decke hing, und ging weiter.
Die Grabkammern lagen hinter ihr, gemauerte Korridore mit verwitterten Inschriften, die niemand mehr lesen konnte. Hier, tiefer im Berg, hatte die Arbeit von Menschenhand aufgehört. Rohes Gestein umgab sie, von den Spinnen ausgehöhlt über Generationen, durchzogen von ihren Netzen wie Adern in einem kranken Körper.
Fiona kannte diesen Ort inzwischen. Die Geräusche, das Rascheln, das Klicken der Beine auf Stein. Das Fauchen, wenn sie angriffen. Das Fluchen, wenn sie starben, dieses seltsame, fast menschliche Zischen, das sie nie ganz verstanden hatte.
Es war ihr vertraut geworden. Fast behaglich, auf eine verdrehte Art.
Eine weitere Spinne löste sich aus dem Dunkel. Fiona sah sie kommen, las die Bewegung in den Beinen, den Ansatz zum Sprung. Sie tänzelte zur Seite, ließ die Kreatur an sich vorbeigleiten, und setzte den Hieb. Sauber. Präzise. Die Spinne kreischte und fiel.
Wie ein Tanz, dachte Fiona. Ein Tanz mit dem Tod.
Und sie führte.
Sie schritt über den Kadaver hinweg und drang tiefer vor. Ihr Atem ging ruhig, ihr Herzschlag gleichmäßig. Die Anspannung, die sie bei den ersten Besuchen gespürt hatte, war längst verblasst. Diese Kreaturen waren gefährlich, ja. Aber vorhersehbar. Und vorhersehbar ließ sich töten.
Der Gang vor ihr mündete in eine größere Kammer. Fiona blieb am Eingang stehen und horchte.
Stille.
Nein, nicht ganz. Da war etwas. Ein leises Schaben, irgendwo in der Dunkelheit jenseits des Fackelscheins. Tiefer, anders als das übliche Kratzen von Spinnenbeinen.
Fiona runzelte die Stirn und hob die Fackel höher.
Der erste Treffer kam aus dem Nichts.
Sie sah es nicht kommen, hörte nur ein feuchtes Zischen, spürte den Luftzug an ihrer Wange. Etwas klatschte gegen die Wand hinter ihr, und sofort stieg ein beißender Geruch auf. Fiona wirbelte herum und sah, wie der Stein zu brodeln begann. Rauch stieg auf. Das Gestein schmolz.
Säure.
Sie riss den Kopf zurück, aber zu spät. Tropfen spritzten von der Wand, winzig, fast unsichtbar im Fackelschein, und einer traf sie.
Mitten im Gesicht.
Fiona schrie auf.
Es brannte. Es brannte wie nichts, was sie je gespürt hatte, schlimmer als Feuer. Es fraß sich in ihre Haut, unter ihre Haut, und ihr Körper reagierte, bevor ihr Verstand einholen konnte.
Sie rannte.
Hinter ihr weitere Zischlaute. Säure klatschte auf den Boden neben ihr, traf die Wand vor ihr, verfehlte sie um Haaresbreite. Fiona duckte sich, sprang, stolperte fast, fing sich wieder. Eine Tür, links, Metall, schwer, eine der alten Grabkammern.
Sie warf sich dagegen.
Die Tür schwang auf, Fiona taumelte hinein, wirbelte herum und stemmte sich mit dem ganzen Körper dagegen. Metall krachte in den Rahmen, hallte durch die Kammer wie ein Donnerschlag. Ihre Hände zitterten, als sie den rostigen Riegel vorschob. Das Metall quietschte, protestierte, aber es hielt.
Einen Augenblick lang nur ihr Atem. Rasselnd. Viel zu laut.
Dann, von draußen, das Kratzen.
Spinnenbeine. An der Metalltür. Tastend, suchend. Ein hohles Schaben, das durch das Eisen drang.
Fiona lehnte sich gegen die kalte Steinwand und presste die Hand gegen ihr Gesicht. Es brannte immer noch, pulsierend, und sie spürte, wie ihre Haut unter den Fingern anschwoll. Feucht. Nicht gut.
Beim schwarzen Schlund ...
Sie nahm die Hand weg und starrte darauf. Im Fackelschein konnte sie das Blut sehen, gemischt mit etwas anderem, etwas Klarem, das an ihren Fingern hinablief.
Die Augen, schoss es ihr durch den Kopf. Wenn das ins Auge geht ...
Sie durfte nicht daran denken. Nicht jetzt.
Das Kratzen an der Tür wurde lauter. Ausdauernd. Geduldig. Die Spinnen hatten Zeit. Sie hatte keine.
Fiona riss die Fackel aus der Halterung an der Wand und schwenkte sie durch die Kammer. Klein. Steinwände, feucht. Keine andere Tür, kein Fenster, natürlich nicht, sie war unter der Erde, umgeben von Fels und Tod.
Nichts. Hier war nichts.
Außer ...
Ihr Blick blieb in der Ecke hängen.
Ein Skelett. Zusammengesunken, halb verborgen hinter einem umgestürzten Sarkophag. Nicht menschlich, zu groß, zu ... anders. Ein Tier vielleicht, ein großes, oder etwas, das einmal ein Tier gewesen war, bevor die Spinnen es hierher geschleppt hatten.
Der Schädel war noch intakt. Lang, flach, mit leeren Augenhöhlen, die im Fackelschein zu glühen schienen.
Fiona starrte darauf. Dann auf die Tür, hinter der die Beine weiter kratzten. Dann wieder auf den Schädel.
Das ins Auge und du bist blind.
Sie ging hinüber, kniete sich hin und betrachtete den Knochen. Schwer, aber nicht zu schwer. Die Form ... ja. Die Form könnte funktionieren.
Sie zog ihren Dolch und setzte ihn an.
Der erste Schlag spaltete den Unterkiefer ab. Der zweite löste die Rückseite des Schädels, ließ sie in Fragmente zerbrechen, die auf den Steinboden prasselten. Was übrig blieb, war die Vorderseite. Eine hohle Maske aus Knochen, mit zwei dunklen Löchern, durch die sie sehen konnte.
Fiona hob sie hoch. Leichter als gedacht. Die Kanten waren rau, aber das würde gehen.
Sie zerrte an ihrem Gürtel, löste einen der Lederriemen und fädelte ihn durch zwei Risse im Knochen, dort, wo einmal Ohren oder etwas Ähnliches gewesen waren. Ein Knoten, ein zweiter, und dann hob sie die Maske an ihr Gesicht.
Sie passte. Nicht perfekt, aber gut genug. Der Knochen lag kühl auf ihrer verbrannten Haut, und seltsamerweise linderte das den Schmerz ein wenig.
Fiona stand auf und betrachtete ihr Spiegelbild in einer Pfütze am Boden.
Was sie sah, war kein Mensch mehr. Es war etwas anderes. Etwas mit einem Totenschädel als Gesicht, mit Augen, die aus leeren Höhlen leuchteten.
Sie grinste, und das Grinsen war hinter der Maske verborgen.
Gut so.
Das Kratzen an der Tür verstummte. Für einen Moment herrschte absolute Stille, als hielte die Höhle selbst den Atem an.
Fiona hob den Katzbalger. Das Metall fing das Fackellicht ein, ein letztes Aufblitzen in der Dunkelheit.
Ihr habt mich gejagt.
Ihre Hand schloss sich um den Riegel.
Das war euer Fehler.
Sie schon den Riegel zurück, die Tür öffnete sich wenige Millimeter.
Jetzt bin ich dran.
