Rufus wusste nicht mehr genau, wie lange er schon in dieser Welt unterwegs war.
Am Anfang hatte er noch versucht, die Tage zu zählen. Doch irgendwann verschwammen sie miteinander. Die Wege sahen gleich aus, die Wälder wirkten vertraut, obwohl er schwören konnte, noch nie dort gewesen zu sein.
Oder vielleicht doch.
Er war sich nicht sicher.
Heute saß er vor seiner kleinen Hütte und betrachtete die Dinge, die er auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Ein paar Münzen, Krallen und Federn, ein Beutel mit seltsamen Kräutern, eine kleine Klinge.
Er kratzte sich am Kopf.
„Hm.“

Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, woher das alles kam.
Manchmal ging er in den Wald und fand Dinge. Manchmal kamen Leute vorbei und tauschten Brot oder Münzen dagegen ein. Das funktionierte ganz gut. Rufus mochte einfache Dinge.
Aber hin und wieder passierte etwas Seltsames.
Dann stand er plötzlich irgendwo, ohne zu wissen, wie er dorthin gekommen war.
Einmal war er mitten im Wald aufgewacht, mit Schlamm an den Stiefeln und einer Tasche voller Gegenstände, die er noch nie gesehen hatte.
Ein anderes Mal kam ein Mann zu ihm und bedankte sich dafür, dass Rufus ihm geholfen hätte.
Rufus hatte freundlich genickt.
Er wusste nur leider nicht, wobei.
Das machte ihm aber nicht viel aus.
Rufus war kein Mann, der sich viele Gedanken machte.
Er sammelte Dinge.
Er wanderte.
Er tauschte Fundstücke gegen Essen.
Und wenn er abends in seiner Hütte saß, fühlte sich alles irgendwie… richtig an.
Nur manchmal, wenn es ganz still wurde, glaubte er etwas zu hören.
Kein richtiges Geräusch.
Mehr ein Flüstern.
Als würde jemand in der Ferne seinen Namen sagen.
Nicht Rufus.
Ein anderer Name.
Er verstand ihn nie ganz.
Rufus schüttelte dann meist den Kopf, legte noch ein Stück Holz ins Feuer und murmelte:
„Ach, bestimmt nur der Wind.“
Doch manchmal, ganz selten, fiel sein Blick auf Dinge, die er gefunden hatte.
Dinge, die nicht zu ihm passten.
Dann bekam Rufus ein komisches Gefühl im Bauch.
Als hätte jemand anderes sie ausgesucht.
Er zuckte dann mit den Schultern.
„Na ja.“
Und legte sie zu den anderen Fundstücken.
Schließlich musste man von irgendetwas leben.
Zarek
Zarek wusste nicht, wann genau es wieder passiert war.
Er war einfach da. Vor der Hütte.
Die Luft kühl, der Boden fest unter den Stiefeln.
Er sah auf den Tisch. Die Dinge lagen noch dort.
Ordentlich. So, wie er sie nicht hingelegt hätte.
Seine Hand strich über die Oberfläche.
Kurz.
Prüfend.
Dann ließ er sie wieder sinken. Er erinnerte sich nicht daran, sie gesammelt zu haben.
Aber das war nichts Neues. Zarek trat einen Schritt zurück und ließ den Blick über die Hütte wandern.
Alles wirkte ruhig.
Unverändert.
Als wäre nichts geschehen. Und doch wusste er, dass Zeit vergangen war.
Er schloss kurz die Augen. Da war etwas. Keine klare Erinnerung.
Nur Eindrücke.
Ein Raum.
Viele Menschen.
Stimmen.
Das Haus der Begabung.
Zarek öffnete die Augen wieder.
Er war dort gewesen. Oder Rufus.
Mehr blieb nicht. Keine Worte. Keine Gespräche.
Nur das Gefühl, dass dort etwas nicht stimmte. Nicht laut.
Nicht sichtbar. Aber spürbar. Zarek bewegte sich nicht.
Er stand einfach da und lauschte. Nicht nach außen. Nach innen.
Die Stimme war da. Wie immer.
Still.
Wach.
Sie sagte nichts.
Aber sie wich auch nicht. Zarek war daran gewöhnt.
Er ging ein paar Schritte vom Haus weg.
Langsam.
Ohne Ziel.
Menschen. Er konnte sie noch spüren. Nicht einzeln. Nur als… Unruhe.
Nicht Angst. Eher ein Suchen.
Rufus hatte es aufgenommen. Zarek konnte es fühlen.
Dieses Bedürfnis, etwas zu tun. Zu helfen.
Zarek schnaubte leise. Das würde nichts ändern.
Er blieb stehen, sah zurück zur Hütte. Dann zum Weg.
Alles war da. Und gleichzeitig nicht.
Er musste es nicht verstehen. Das überließ er den anderen.
Die Stimme regte sich. Kaum merklich. Zarek spürte es.
Kein Drängen.
Kein Zwang.
Nur…
Interesse.
Er verzog leicht das Gesicht. Dann wandte er sich ab.
Hinter ihm blieb die Hütte. Vor ihm der Weg.
Und irgendwo dazwischen....
Rufus.
Zarek ging weiter.
Ohne Eile. Ohne Frage.
Die Stimme blieb. Und das genügte.
